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Die Evaluierung der Bundesmuseen, fünf Jahre nach ihrer „Entlassung“ in die Vollrechtsfähigkeit, wurde von den Medien bereits ausreichend als Gefälligkeitsgutachten zum Preis von 100.000 Euro gewürdigt. Neben anonymen, aber den Häusern durchaus gewogenen Gutachtern hat das Marktforschungsinstitut FESSEL-GfK erhoben, wie bekannt und beliebt die Museen bei den Österreichern und Österreicherinnen sind. Schöne, rosarote Balkengrafiken dieser Umfrage bilden denn auch den Kern des vom bm:bwk publizierten Resümes: 27 von 47 Seiten klären uns auf über so wichtige Fragestellungen wie “Steht der heutige Museumsbesuch im Zusammenhang mit einem im Unterricht behandelten Thema?“, „Hat es dir hier im TMW / in der Albertina / im KHM gefallen?“, „Trifft die folgende Aussage zu: Die Leute, die hier im Museum arbeiten, sind freundlich und nett.“

 

Maximal eine Seite ist in der vorgelegten Dokumentation der Einzelevaluierung von Albertina, KHM (inklusive Völkerkunde- und Theatermuseum), MAK, MUMOK, NHM, Österreichische Galerie Belvedere (ÖGBEL) und TMW gewidmet. Warum das Leopoldmuseum nicht Gegenstand der Betrachtungen war, wird übrigens in keiner Zeile erwähnt. Ein paar Kostproben gefällig?
- „MAK zählt zu den fortschrittlichsten und avantgardistischsten österreichischen Museen mit internationaler Bedeutung.“
- „Das MUMOK ist Motor und Maßstab der österreichischen Gegenwartskunst.“
- „Die ÖGBEL hat ein wirkungsvolles Marketingkonzept.“
- „Das Prestige des KHM ist exzeptionell hoch und bedarf keiner grundlegenden Änderung. Das KHM ist ein bedeutender Ort der Bildung und des lebensbegleitenden Lernens.“

 

Dass in der Museumslandschaft die Fetzen fliegen, können sogar die diplomatischen Hofberichterstatter nicht stillschweigend übergehen.. Im Resümee schreiben sie: „Die Wiener Museumslandschaft ist durch Rivalität und Wettbewerb der verschiedenen Museen stärker geprägt als dies in vergleichbaren europäischen Städten der Fall ist.“ Besonders MUMOK-Direktor Edelbert Köb, für den mittlerweile Solidaritätsaktionen zu dessen Wiederbestellung organisiert werden, scheint an den Wiener Zuständen zu leiden. So heißt es in der Beurteilung seines Hauses: „Das in der Zielsetzung des MUMOK dargelegte Arbeitsfeld wird durch andere Bundesmuseen beeinträchtigt. Eine überschneidende Ausstellungspolitik durch MAK und KHM (Francis Bacon), behindert die internationale Ausstrahlungskraft des MUMOK. Innovativität (sic!) und Konkurrenz sind in Wien als Weltmetropole in allen Bereichen gefordert; von den Medien genüsslich inszenierte Konkurrenzverhältnisse schaden jedoch dem Gesamtbild.“

 

Ziemlich sperrig liest sich die Kritik an der Bacon-Ausstellung im direkten Kontext zum KHM: „Die Vielfalt der Ausstellungsaktivitäten des Hauses sollte nicht durch Projekte überlagert werden, die den Kernthemen der Sammlung eher fern stehen, jedoch können mutige Grenzüberschreitungen (z.B. Francis Bacon) zur Erhellung und Rezeption der eigenen Sammlung beitragen.“ Den Experten sind aber auch einige andere Widrigkeiten aufgefallen, die hier nicht unerwähnt bleiben sollen: „Während die Albertina in den Bereichen Großausstellungen, Veranstaltungen und Vermietungen äußerst erfolgreich ist, werden die nicht unmittelbar ausstellungsbezogenen wissenschaftlichen Aktivitäten sichtbar vernachlässigt. Die Ankaufspolitik ist äußerst konservativ und lässt keine klaren zukunftsweisenden Strategien erkennen.“ Ähnliche Kritik muss auch das MAK einstecken: „Der Ankaufsplan ist von Zufälligkeit gezeichnet.“

 

Auch wenn die Experten hier wenigstens den Anflug von Objektivität vermitteln, so fließt die Untersuchung in ein banales Resümee: „Die Anhebung der Basisabgeltung ist künftig notwendig.“ Eine Forderung, der sich die Direktoren nur allzu gerne anschließen.Und siehe da, schon will die Kulturministerin eine neue, betriebswirtschaftliche Studie in Auftrag geben und stellt Anhebungen ab 2007 in Aussicht. Eine grundsätzliche Auseinandersetzung über die Zielsetzungen der einzelnen Bundesmuseen und die Einhaltung von Budgets im Rahmen der Vollrechtsfähigkeit wird dabei tunlichst vermieden. Dem grünen Kultursprecher Wolfgang Zinggl ist zugute zu halten, dass er seit Jahresbeginn versucht, diese Diskussion ins Rollen zu bringen. Zinggl meint, die Bestände der Museen müssen neu geordnet werden, da sich derzeit alle auf die gleichen Themen stürzen und in ihrer Ausstellungspolitik lediglich auf den nächsten Blockbuster (deutsch: „Kassenschlager“ aber auch: „Minenbombe“) schielen.

 

Die Restrukturierung der Museumsbestände sollte aber kein Selbstzweck sein, sondern mit der Aufarbeitung und Präsentation von Sammlungsteilen einher gehen, die bislang in den Archiven verstauben. Ist es tatsächlich nicht mehr oppurtun für eine Albertina, rund 70.000 Zeichnungen und mehr als eine Million Druckgrafiken aller Kunstepochen von der Spätgotik bis zur Zeitgenössischen Kunst in das Zentrum der eigenen Ausstellungstätigkeit zu stellen? Anstatt Unsummen in Transporte von „Weltkunstwerken“ zu stecken, sollten die eigenen Schätze gehoben und vermarktet werden, wie dies sonst nur mit internationalen Leihgaben geschieht. Wer bitte hat in der Saliera – bevor diese gestohlen wurde - einen Grund gesehen das KHM zu besuchen?

Wiener Kunsthefte, März 2005

 

Ergänzung April 2016: Nachrufe auf das Essl Museum

Ergänzung 20. September 2018: Monet und Moneten

 

 

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