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Wenn irgendwo auf dieser Welt Menschen verhungern und ich spende nicht, damit diese Menschen überleben können, dann ist das genauso schlimm wie wenn ein kräftiger Mann nicht in einen seichten Teich springen würde um ein Kind vor dem Ertrinken zu retten. Das ist die Quintessenz des Artikels „Hunger, Wohlstand und Moral“, den Peter Singer 1971 erstmals veröffentlicht hat. Hätte ich den Artikel damals schon gelesen, wäre ich sicher begeistert gewesen. Ich war damals acht. Heute bin ich 55 und ich sehe die Sache etwas differenzierter.

 

Anlass für Singers Forderung waren neun Millionen mittellose Flüchtlinge in Ostbengalen (heute Bangladesch) und die Erkenntnis, dass „die reicheren Staaten durchaus in der Lage [wären], genug Hilfe zu leisten, um deren Leiden auf ein Mindestmaß zu reduzieren. … Unglücklicherweise sind die notwendigen Entscheidungen jedoch nicht getroffen worden“ (S. 31) Daraus folgt die Verpflichtung für den Einzelnen alles zu tun, was in seiner Macht steht. Und genau in dem Punkt ist der Horizont von Singer ziemlich eingeschränkt, denn seine ganze Argumentation beschränkt sich auf die moralische Verpflichtung zu Spenden.

 

Dabei geht es nicht nur um einen gerechten Betrag für alle, sondern darum, so viel wie möglich zu spenden, denn die Erfahrung zeigt, dass ja nicht alle bereit sind ihren Solidarbeitrag zu leisten. So muss jeder, der wirklich Menschenleben retten will, ordentlich in die Tasche greifen. Singers Position ist die des Utilitaristen, der das Gute in der Welt darin sieht, dass die größtmögliche Zahl der Menschen glücklich ist.

 

Singer ist überzeugt: „Mein Argument hat zur Folge, dass unsere traditionellen moralischen Kategorien durcheinandergeraten. Die traditionelle Unterscheidung zwischen Pflicht und Wohltätigkeit kann nicht gemacht werden oder zumindest nicht so, wie wir sie normalerweise machen. Dem Bengalen-Hilfsfonds Geld zu spenden, wird in unserer Gesellschaft als ein Akt der Wohltätigkeit angesehen. … Da Geld zu geben als ein Akt der Wohltätigkeit angesehen wird, kommt man gar nicht auf den Gedanken, dass irgendetwas falsch daran sein könnte, nichts zu geben. Der wohltätige Mensch wird gepriesen, der nicht wohltätige jedoch nicht verurteilt. Die Leute schämen sich nicht und fühlen sich keineswegs schuldig, wenn sie Geld für neue Kleider oder ein neues Auto ausgeben, anstatt es der Welthungerhilfe zuspenden.“ (S. 44) Hier erweist sich Singer auch als Altruist, für den das Wohl anderer über dem eigenen steht.

 

Singer hält diese Argumente offenbar für zeitlos gültig, denn 1999 hat er seinen Artikel leicht aktualisiert nochmals veröffentlicht und nun (2017) ergänzt mit dem Beitrag „Wie viel soll ein Millardär spenden – und Sie?“ sowie einem Vorwort von Bill und Melinda Gates bei Hoffmann und Campe neuerlich publiziert. Damit will der Autor Menschen erreichen, „die dem Effektiven Altruismus einen wichtigen Platz in ihrem Lebeneingeräumt haben.“ (S. 110) Dazu zählt er offenbar auch Bill Gates und Warren Buffet, die große Beträge ihres Vermögens in ihre Stiftungen eingebracht haben.

 

Ich halte es für möglich, dass einzelne Projekte der Big Spender tatsächlich den ärmsten dieser Welt helfen. Doch dass Stiftungen von Menschen, die unter anderem deshalb übermenschlich reich sind, weil sie vorher die teuersten Lobbyisten, Steuerberater und Rechtsanwälte engagiert haben um Steuern zu sparen, dass solche Stiftungen durch ihre Spenden zu moralischen Institutionen werden,  oder gar dem Wesen nach "wohltätig sein können, das möchte ich bezweifeln.

 

Darüber hinaus bezweifle ich, dass moralisch gebotene Hilfe tatsächlich über den eigenen Wirkungsbereich hinaus Anwendung finden kann. Anders gesagt: wer in seinem eigenen Umfeld nicht sieht, wo und wann Not am Mann und Hilfe erforderlich ist, der ist sozial erblindet. Für den ist jede Spende zur Linderung der "Not in dieser Welt", auch wenn sie noch so „großzügig“ ist, eine Ersatzhandlung. Singers Moral ist die Umkehrung des Subsidiaritätsprinzips, wonach der Staat (idealtypisch die Gemeinschaft) nur die Aufgaben übernehmen soll, die der Mensch als Individuum nicht bewältigen kann. In Singers Umkehrung muss das Individuum die Verantwortung immer dann übernehmen, wenn Staaten scheitern oder, noch schlimmer, wenn die Politiker nicht bereit oder nicht fähig sind, ihrer Verantwortung gerecht zu werden. Das Prinzip Verantwortung (schlag nach bei Hans Jonas) kann nicht auf das Individuum allein abgewälzt werden. Fehler und Schwächen des Systems werden damit komplett ausgeblendet.

 

Vielleicht ist auch meine Sicht – so wie die von Singer – einseitig. Auf jeden Fall ist meine Position europäisch und somit geprägt von einer Kultur, in der sich noch ein stärkeres Bewusstsein dafür findet, dass Steuern nicht primär zur Behinderung von Leistungsträgern da sind, sondern zur Finanzierung des Gemeinwohls, während in Amerika der Staat als natürlicher Feind jedes Unternehmens gesehen wird. Und die erforderlichen Steuerleistungen sind in dieser Weltanschauung eine Einschränkung der Freiheit jedes Unternehmers, ja sogar jedes Staatsbürgers.

 

Der amerikanische Common Sense, wonach die Spende als freiwillige, zweckgebundene Steuer gesehen wird, ist somit ein Beispiel dafür, dass die Amerikaner grundsätzlich anders ticken als die Europäer. Und damit auch ein Beispiel dafür, dass „der Westen“, im Sinne von Niall Ferguson als weltpolitische Einheit von USA und Europa, nicht mehr existiert.

 

Siehe auch:

Atlantische Bruchlinien. Gastkommentar in Wiener Zeitung am 19.3.18 

Ist der Westen noch zu retten?

Nie wieder Charity

 

 

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