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Spätestens seit dem Scheitern der „Willkommenskultur“ ist es nicht mehr populär, wenn man über Toleranz spricht, geschweige denn, sie verteidigt. Trotzdem, oder gerade deshalb ist es angebracht einmal nachzuschlagen, was „einer der meistgelesenen und einflussreichsten Autoren der Aufklärung“ (Quelle: wikipedia) dazu zu sagen hat: Voltaire.

 

500 Zdrahal Masken

(Bild: Ausschnitt aus "Masken", Öl auf Karton, 100x70 cm von Ernst Zdrahal)

 

Um die Notwendigkeit der Toleranz zu begründen folgt der Philosoph historischen Spuren der Intoleranz. Dabei geht er zurück bis ins Alte Testament und stellt die Frage: „War die Intoleranz dem göttlichen Rechte im Judentum gemäß, und ist sie stets in Ausübung gebracht worden?“ In seiner Beantwortung verweist Voltaire auf zahlreiche Bestialitäten der Juden, die in den Büchern Mose akribisch aufgezeichnet wurden. Angesichts der teilweise schonungslosen Abrechnung des Christen mit dem Judentum klingt Votaires Resümee fast wie die Absolution eines Priesters: „Wenn man das Judentum in der Nähe betrachtet, so erstaunt man über die größte Toleranz unter so vielen Greueln. Freilich ein Widerspruch; aber die meisten Völker sind von Widersprüchen regiert worden. Glücklich der Widerspruch, der sanfte Sitten erzeugt, wo man blutige Gesetze hat.“

 

Voltaires Auslegung der schlimmsten im Alten Testament geschilderten Greueltaten als Allegorien klingt plausibel, wenn man den Hinweisen glauben kann, dass die Fünf Bücher Mose (der Pentateuch) erst viele Jahrhunderte nach Mose niedergeschrieben wurden. So könnten diese Geschichten nicht als Aufzeichnung historischer Fakten, sondern zur Abschreckung von Abrahams Nachkommen und seiner Feinde gedient haben.

 

Einen fundamentalen Widerspruch kann der aufgeklärte Philosoph und gläubige Christ, der 1694 in Paris geboren, viele Jahre im Dienste verschiedener Herrscher Europas gestanden und 1778 verstorben ist, jedoch nicht auflösen: das Gebot der Anbetung des einen, allmächtigen Gottes und das Verbot der Anbetung anderer Götter (Götzendienst) ist seinem Wesen nach intolerant. Mehr noch: der Begriff „Toleranz“ kommt in der Bibel an keiner einzigen Stelle vor, auch wenn viele Stellen der Evangelien von aufgeklärten Christen und sogar von Theologen heute gerne als Aufforderung zu tolerantem Verhalten interpretiert werden.

 

Doch zurück zum Kern von Voltairs Schrift, die er als „Bittschrift, welche die Humanität ganz untertänig der Macht und der Einsicht vorlegt“ bezeichnet, zu seinem Essay „Über die Toleranz; veranlaßt durch die Hinrichtung des Johann Calas im Jahre 1762“. Einleitend erinnert der Autor daran, dass auch mehr als ein Jahrhundert nach dem Westfälischen Frieden immer noch Glaubenskonflikte zu letalem Ausgang für diejenigen führen können, die dem „falschen“ Glauben anhängen. Hier die Geschichte kurz gefasst:

 

„Johann Calas, ein Mann von achtundsechzig Jahren, lebte seit länger als vierzig Jahren zu Toulouse als Handelsmann, und alle, die ihn kannten, hielten ihn für einen guten Vater. Er war Protestant und seine Frau und Kinder gleichfalls, außer ein Sohn, der die Ketzerei abgeschworen hatte und dem der Vater ein kleines Jahresgeld auszahlte. … Aus Verdruß beschloss er [der Sohn], seinem Leben ein Ende zu machen, und ließ sich dies auch merken gegen einen seiner Freunde. … Endlich, als er einmal sein Geld im Spiel verloren hatte, wählte er gerade diesen Tag zur Ausführung seines Vorhabens. … Irgendein fanatischer Kopf aus dem Pöbel rief, Johann Calas hätte seinen eigenen Sohn Mark-Anton erhängt. Im Augenblick wiederholte dies ein einstimmiges Geschrei. … Der Capitoul oder Bürgermeister David, den dieser Lärm in Bewegung brachte, wollte sich durch eine schnelle Exekution in Kredit setzen und verfuhr gegen Regel und Gesetz. Er ließ die Familie Calas, die katholische Magd und den [Freund des Selbstmörders] Lavaisse in Fesseln legen. … Dreizehn Richter versammelten sich täglich, um den Prozeß zu beendigen. Man hatte keinen Beweis gegen die Familie. Man konnte keinen haben. Aber die betrogne Religion diente an Beweises statt.“

 

Dass Voltaire den Protestantismus unverhohlen als „Ketzerei“ bezeichnet, zeigt, wie stark auch unabhängige Denker in ihrer Zeit und in ihrem Milieu verhaftet sind. Abgesehen davon zeigt er akribisch auf, dass die Glaubensfanatiker sich in zahlreiche Widersprüche verwickeln und vernünftigen Argumenten nicht zugänglich sind. Dazu gehört auch, dass uns Voltaire erzählt, dass der seelisch geschundene Vater schließlich unter Beifall des Mobs gerädert wurde und dabei Gott um Vergebung für seine Peiniger gebeten hat. Aber keine Kritik, nicht einmal ein Nebensatz über die Abscheulichkeit dieser mittelalterlichen Foltermethode!

 

Auch die treibenden Kräfte der Französischen Revolution haben sich oft und gern auf Voltaire berufen, und in seinem Geiste die Todesstrafe „humanisiert“. Denn die Todesstrafe überhaupt in Frage zu stellen, war offenbar für die ersten aufgeklärten Menschen Europas undenkbar. Man war lediglich bereit, die stückweise, langwierige Zertrümmerung der Gliedmaßen des Verurteilten zu ersetzen durch eine fortschrittliche Maschine: die Guiolltine – die „humane Hinrichtung“ war damit schmerzfrei - Kopf ab ganz ohne Qualen. 30 Jahre nach Calas' Hinrichtung wurde von der Pariser Nationalversammlung die Guillotine als einziges Instrument zur Hinrichtung eingeführt.

 

Wie Chronisten akribisch zusammengezählt haben, wurden vom Revolutionstribunal 1579 Todesstrafen verhängt. Hingerichtet wurde – so wie zu besten Zeiten der Glaubenskriege – nicht aufgrund nachweislicher Straftaten, sondern aufgrund der „falschen“ Glaubensinhalte, oder auch der falschen Anstandsregeln, die sich vom jeweiligen Stande ableiteten. Und später auch die „Verräter“ der „reinen Glaubenslehre der Revolution“. Die brühmtesten Opfer waren Marie Antoinette, Georges Danton und der Revolutionsführer Robesbierre selbst.

 

Dieser fortschrittliche Humanismus hat in Frankreich 200 Jahre überlebt, erst 1981 hat Präsident Francois Mitterand die Todesstrafe abgeschafft, seit 2007 ist sie verfassungsmäßig verboten. Doch zurück zu Calas. Das Oberste Gericht in Paris („die Einsicht“) hat mehrere Jahre später das Urteil aufgehoben und die Familie inklusive der mitangeklagten katholischen Hausgehilfin vollständig rehabilitiert. Der König selbst („die Macht“) hat den Hinterbliebenen 36.000 Livres ausbezahlt. So konnte die „Bittschrift“ eines Philosophen („die Humanität“) zu Beginn der Aufklärung noch etwas bewirken, während philosophische Schriften im Zeitalter der „Messagecontrol“ durch die Parteien nicht die geringste Chance haben bis zu jenen Mächtigen durchzudringen, die zu wichtigen politischen Einsichten im Geiste der Humanität gelangen sollten.

 

Der Suhrkamp-Verlag hat diese Schrift nach den Anschlägen auf „Charlie Hebdo“ (Paris im Jänner 2015) publiziert und bewirbt sie bis heute mit dem knalligen Slogen „Der Bestseller aus Frankreich“. Und etwas subtiler: „Voltaires 1763 erschienenes Plädoyer für Toleranz zwischen den Religionen war nie so aktuell wie heute.“ Löst das Buch dieses Versprechen ein? Nach wie vor gültig sind aus meiner Sicht zumindest zwei bedenkenswerte Stellen. Im Vorspann zu seiner „Bittschrift“ definiert Voltaire Toleranz und Intoleranz (= Fanatismus):

 

„Was ist Toleranz? Sie ist Menschlichkeit überhaupt. Wir sind alle gemacht aus Schwächen und Fehlern; darum sei es Naturgesetz, daß wir uns wechselseitig unsere Dummheiten verzeihen.“

 

„Der Fanatismus verhält sich zum Aberglauben wie der Wahn zum Fieber oder die Raserei zum Zorn. … Alle Fanatiker sind Schurken mit gutem Gewissen und morden in gutem Glauben an eine gute Sache. … Wir wollen uns darauf beschränken, Gott morgens und abends zu bitten, uns von den Fanatikern zu erlösen.“

 

Ich muss an der Stelle daran erinnern, dass nicht der Glaube an sich (das ist nach Immanuel Kant der Bereich, der sich dort öffnet, wo die Vernunft an die Grenzen der Erkenntnis stößt), sondern die „Glaubenswahrheit“, das ist der dogmatische Anspruch auf universelle Gültigkeit eines Glaubensinhaltes (z.B. die Überzeugung es gebe nur ein richtiges Gottesdienstritual) zur Intoleranz führt, nein genauer gesagt: die Intoleranz bereits im Kern der Aussage impliziert! Im Übrigen sollte klar sein: es gibt keine Toleranz für die Intoleranz. Das ist kein Paradoxon, sondern die Logik der Toleranz.

 

Alle Zitate aus:

Voltaire

Über die Toleranz, Berlin 2015

 

 

120 Hoffmann

Albert Hoffmann

Vernissage: 14.10.19

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