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Es gibt viele Moralen aber nur eine Ethik

Ethik-Unterricht als Ersatz für den Religionsunterricht – das ist ein guter Anfang. Ethik-Unterricht für alle ist damit zu einem erreichbares Ziel geworden.

 

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Kurzfassung dieses Kommentars in der Wiener Zeitung am 25.4.2019

Diskussion über den Kommentar auf fischundfleisch.com

 

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Moral 4.0 - Ethik im Zeitalter von Internet 4.0

 

Nun haben auch die Medien dieses Thema entdeckt. Kürzlich hat der ORF-Kulturmontag dem Ethik-Unterricht einen Beitrag gewidmet und gemäß Bildungsauftrag die oberste Kapazität des Landes für die Themen Schule und Philosophie, Prof. Konrad Paul Liessmann, interviewt. Seine Statements zeigen, dass es auch für Experten nicht leicht ist die Begriffe „Werte“, „Ethik“ und „Moral“ klar abzugrenzen.

O-Ton Liessmann: „Unter Werten verstehen wir eigentlich die subjektiven Präferenzen an denen wir uns orientieren, also Werte heißt eigentlich nichts anderes als: was ist mir etwas wert? Wofür bin ich bereit etwas zu bezahlen, mich einzusetzen, mich zu engagieren?“

Ad Moral: „Moralische Richtlinien, moralische Systeme sind anders organisiert. Da geht’s um Gebote und Verbote und was in der Gesellschaft wirklich als verbindlich erachtet wird, als böse oder verwerflich erachtet wird.“

 

Ad Ethik: „Unter Ethik verstehe ich tatsächlich eine wissenschaftliche Disziplin, die sich bemüht herauszufinden, nach welchen Richtlinien, Grundlagen, Überlegungen, aufgrund welcher Argumente Menschen ihre Moralsysteme oder moralischen Einstellungen, ihre Werteorientierungen finden, formulieren, und leben.“

 

In hunderten Büchern über Moral und Ethik geht es immer auch um die Abgrenzung der beiden Begriffe. Die einen meinen, es seien zwei Begriffe, die das selbe bedeuten, die anderen sagen es handle sich um grundsätzlich unterschiedliche Disziplinen, die Ethik sei sogar eine wissenschaftliche Disziplin. Ohne hier eine philosophische Diskussion darüber zu beginnen, was Wissenschaft ist, möchte ich Liessmann widersprechen: Ethik ist keine wissenschaftliche Disziplin, sondern jede Suche nach einer Antwort auf die Frage „Warum soll man etwas tun (oder unterlassen)?

 

Moral dagegen gibt Antwort auf die Frage: „Was soll ich tun (oder unterlassen)?“ Jeder, der sich am Arbeitsplatz mehr oder weniger anders verhält als im Segelklub oder im Kreis der Familie, jeder, der schon einmal ernsthaft versucht hat im Kreis von Muslimen und Christen oder von Katholiken und Zeugen Jehovas über das richtige Verhalten oder das gute Leben zu diskutieren, wird wohl bestätigen können: es gibt nicht nur eine, sondern viele Moralen. Synonyme für Moralen sind: Sitten, Gewohnheiten, Gebräuche. Oft gehen Inhalte einer Moral verloren, sodass nur das Brauchtum übrig bleibt.

 

Die Vereinfachung der Ethik auf die Frage „Warum soll ich etwas tun?“ ist kein Reduktionismus. Diese Frage ist ganz im Gegenteil universell, sie steht „über“ der Frage „was soll ich tun?“, also auf einer Meta-Ebene. Die Frage nach dem Warum ist gleichzeitig grenzüberschreitend. Sie überschreitet die Grenzen der Moral, die sich auf das „Was soll ich tun?“ beschränkt.

 

Reduktionistisch wäre Ethik als Wissenschaft, denn die wertneutrale Wissenschaft muss jede Moral als gleich-wertig betrachten. Damit manövriert sich die Ethik als Wissenshaft in eine Pattsituation, wie die Untersuchungen zahlreicher Verhaltensforscher, die sich derzeit auch gern mit Moral und Ethik beschäftigen, zeigen. Denn als Wissenschaft darf Ethik nur analysieren, beobachten und erklären, aber nicht beurteilen, welche Moral besser und welche schlechter ist. Kein Wissenschafter darf sich der „Gefahr“ aussetzen durch sein Urteil zur verurteilen. Damit würde er ein Tabu (!) überschreiten. Das Überschreiten von Tabus ist aber eine essenzielle Aufgabe der Ethik.

 

Dagegen sind Grenzziehungen, genauer gesagt Eingrenzung und Ausgrenzung, essenzielle Aspekte jeder Moral. Der antiquierte Begriff „Anstand“ als Synonym für Moral verdeutlicht das sehr gut, weil er den jeweiligen Stand als Grenzlinie unterschiedlicher Moralen exakt verortet. Daraus folgt: es gibt viele Moralen, aber nur eine Ethik.

 

Alles außerhalb der jeweiligen Moral ist Tabu. Bewahrung des Bewährten gehört zum Grundkonzept jeder Moral, jede Moral ist somit konservativ. Ein Mensch kann ein Leben lang moralisch handeln, ohne jemals in Frage zu stellen warum er etwas tut, warum er so lebt wie er lebt. Wenn er sich in einer Gesellschaft einfügen kann, die verlangt, das zu tun, was alle schon immer getan haben, so ist er vermutlich ein glücklicher Mensch. Wenn er das tut, was sich bewährt hat, so ist er objektiv auf der Seite des Bewährten und subjektiv auf der Seite der Wahrheit. Moralisch wahr sind die Werte, die sich bewährt haben.

 

Damit sind wir wieder bei der Frage: „Was sind Werte?“, die der Philosophieprofessor Liessmann tautologisch beantwortet: „Werte heißt eigentlich nichts anderes als: was ist mir etwas wert?“ Ich würde sagen: Werte sind Orientierungspunkte.

 

Im Unterschied zu Aristoteles, der die Lebensform seiner Zeit (und seiner Welt, die in Wahrheit ein Dorf war) mit einem Dutzend Werten (er nannte sie Tugenden) charakterisieren konnte, muss das 21. Jahrhundert (das globale Dorf) mit hunderten von Werten fertig werden. Das macht die meisten Menschen fertig, und ist ein Grund für die Orientierungslosigkeit unserer Zeit. Aber nicht der einzige Grund!

 

Werte sind Orientierungspunkte. Sie sind keine unabänderlichen, endgültigen Maßeinheiten wie Kilogramm, Zentimeter oder km/h, sondern Orientierungspunkte, deren Dimension sich schrittweise ändert, je näher man diesen Werten gelangt. Es ist logisch, dass sich mit jeder Annäherung an einen Wert die Sicht auf diesen Wert ändert, und damit der Wert selbst. Erst in der Nähe erweist sich der Orientierungspunkt als Aussichtsturm, Leuchtturm, Kirchturm oder Grabhügel. Und wenn wir bei einem Wert angelangt sind, wer oder was schreibt uns vor, dass wir dort stehen bleiben müssen?

 

Angesichts der Vielzahl werthaltiger Begriffe des 21. Jahrhunderts (auf ethos.at hab ich rund 500 Wertbegriffe aufgezählt) halte ich eine weitere Differenzierung für notwendig und schlage vier Kategorien vor: Grundwerte, Zielwerte, Gebrauchswerte und Messwerte.

Werte, die wir als Fundament unserer Gesellschaft betrachten, sind Grundwerte (z.B. Demokratie, Freiheit, Gerechtigkeit).

Werte, die wir immer erreichen wollen, aber nie vollständig erreichen können, sind Zielwerte (z.B. Gesundheit, Fitness, Glück).

Werte, die uns den täglichen Umgang miteinander erleichtern sind Gebrauchswerte (z.B. Respekt, Toleranz, Offenheit).

Werte, mit denen ich andere Menschen und deren Verhalten beurteile sind Messwerte (z.B. gut/schlecht, gerecht/ungerecht, empathisch/egoistisch).

 

Ich bin überzeugt, dass man keine „Wissenschaft der Ethik“ braucht, um das zu verstehen. Und ich bin der Meinung, dass es an der Zeit nach unseren europäischen Grundwerten zu suchen, denn offensichtlich kommen wir mit den Werten, die Europa 2000 Jahre lang geprägt haben, im 21. Jahrhundert nicht mehr weiter. Eine breite Diskussion über Grundwerte sollte nicht den Parteien überlassen werden, sondern vom Volk geführt werden! Der Ethik-Unterricht ist ein guter Beitrag dazu.

 

Siehe auch Diskussion des Kommentars ab 16.4.2019 auf fischundfleisch: Ethik-Unterricht: Was sind Werte?

 

Publikation des Beitrags auch in "The Global Player"

 Ethik in Schulen 500

 

 

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