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Ein anderer Blick auf 100 Jahre Republik

 

Es heißt, alles hängt irgendwie zusammen. Somit auch die Vergangenheit mit der Zukunft und die Zukunft mit der Gegenwart. Diese ominöse Aussage wird heute konkreter gefasst: alles ist miteinander vernetzt. Stichwort „Internet 4.0“. Ich kann diese These jedoch weder beweisen, noch widerlegen, aber ich kann sie hier exkursiv evaluieren.

 

250 MJ Vermittlung Zur Frage, wie die Gegenwart mit der Vergangenheit zusammenhängt schreibt der britische Historiker Niall Ferguson: „Der Historiker ist kein Naturwissenschafter. Aus seinen Beobachtungen können keine allgemein gültigen Gesetze für gesellschaftliche und politische Abläufe abgeleitet werden, (). Die eigentliche Funktion der historischen Erkenntnis besteht darin, die Menschen über die Gegenwart aufzuklären, da der sichtbare Inhalt der Vergangenheit ein 'für das ungeschulte Auge nicht auf Anhieb erkennbarer' Bestandteil der Gegenwart ist und einen Teil von ihr darstellt.“
Marina Janulajtite, Vermittlung des Friedens, Öl a.L, 200x120 cm  

 

Das Zitat stammt aus seinem Buch „Der Westen und der Rest der Welt“ - nicht gerade ein politisch korrekter Titel. Politisch korrekt wäre der Titel „Der Westen, der Norden, der Süden und der Osten“, denn wie kommt denn der Rest der Welt dazu, sich als "Rest der Welt" diffamieren zu lassen? Doch Ferguson hat einen Grund, genauer gesagt eine Arbeitshypothese, die der Titel seines Buches impliziert. Darin möchte der Professor für Geschichte an der Harvard University zeigen, „dass es sechs Bereiche von neuartigen Institutionen und die damit verbundenen Ideen und Verhaltensweisen waren, die den Westen vom Rest der Welt unterschieden und seine globale Macht begründeten.“ Diese „Institutionen und damit verbundenen Ideen und Verhaltensweisen“ fasst Ferguson in sechs Schlagworte und Themenbereiche: Wettbewerb, Eigentumsrechte, Wissenschaft, Medizin, Konsumgesellschaft, Arbeitsethik, die somit implizit zu Grundwerten jener Zivilisation erklärt werden, die Ferguson als „der Westen“ bezeichnet. Nur dank dieser Grundwerte konnte der Westen (das Abendland) in den vergangenen 500 Jahren seine Überlegenheit gegenüber China, Orient und Afrika aufbauen, so Ferguson.

 

Den Ursprung des Wettbewerbs findet der Historiker in der Zerrissenheit des Kontinents: „Im 14. Jahrhundert gab es in Europa etwa tausend Staatsgebilde, und zwei Jahrhunderte später existierten immer noch etwa 500 mehr oder weniger unabhängige staatliche Einheiten. (…) vor allem sorgte der innereuropäische Konflikt, der sich über Generationen hinzog, dafür, dass kein europäischer Monarch je stark genug wurde, um die Seefahrt in ferne Länder zu unterbinden. (…) Die europäischen Monarchen förderten allesamt Handel, Eroberung und Kolonisierung, um im Wettbewerb nicht ins Hintertreffen zu geraten.“ Dagegen ist China zum „Reich der Mittelmäßigkeit verkommen, das den von anderen Völkern hervorgebrachten Neuerungen feindselig gegenüberstand.“

 

Wettbewerb bedeutet in der politischen Realität der vergangenen 500 Jahre auch, dass Konflikte mit Kriegen und Millionen unschuldiger Menschenopfer ausgetragen wurden. So betrachtet war das „Heilige Römische Reich“, das in dieser Periode weite Teile Europas beherrschte, ein geniales Marketinginstrument. „Heilig“ klingt nach Seligkeit, Einheit und Frieden. De facto konnte das „Reich“ aber keinen einzigen Konflikt zwischen den Königen und Fürsten dieses Reiches verhindern. Marketingprofis unserer Zeit würden daher sagen: Das „Heilige Römische Reich“ war eine Dachmarke, die das Image der Habsburger über Jahrhunderte positiv geprägt hat, und zwar bis zur letzten großen Auseinandersetzung der europäischen Monarchien, den 1. Weltkrieg.

 

„Franz Josephs Großneffe Karl bestieg den verwaisten Habsburgerthron, jung, unerfahren, aber voll gutem Willen. Immer noch herrschte Krieg. Und so ließ der frischgebackene Monarch, wie in oppositionellen Kreisen koportiert wrde, schleunigst den Kriegsminister zu sich kommen, um ihn zu instruieren: „Exzellenz, teilen Sie Ihren Generälen mit, die Schlampereien haben jetzt aufzuhören. Von nun an wird gesiegt!“ Diese und ähnliche Anekdoten hat Johannes Twaroch in seinem Buch „Anekdotenschatz. Die k.u.k. Monarchie“ (erschienen im September 2018) gesammelt.

 

In historischen Abhandlungen werden Kriege meist als Kämpfe um Land und Boden, um Vorherrschaft über Gebiete, um Machtansprüche beschrieben. Im Prinzip geht und ging es aber immer um die Ehre. Wer „erhobenen Hauptes“ oder „erniedrigt“ das Schlachtfeld verlässt, das ist bei Kriegen bis heute die zentrale Frage. Verhaltensbiologisch betrachtet folgen die Kriegsspiele dem Brunftverhalten von Mufflons und aller höheren Tiere mit Hörnern und Geweihen.

 

Diesem biologischen Reflexen konnten sich zu Zeiten des 1. Weltkriegs auch vernunftbegabte Intellektuelle und Kulturschaffende nicht entziehen. Auch zahlreiche Schriftsteller sind als Freiwillige in den Krieg gezogen. Teilgenommen haben sie vorzugsweise aus sicherer Distanz im Kriegspressequartier, unter ihnen Anton Kuh, Robert Musil, Alfred Polgar und Franz Werfel. Das waren sicher nicht nur Hurra-Patrioten und Kriegshetzer, die Karl Kraus in den „Letzten Tagen der Menschheit“ seziert hat. Offenbar war in dieser Endzeit der Monarchien ein unerträglicher Druck in der gesellschaftlichen Atmosphäre und viele haben im Krieg das Ventil gesehen um Dampf abzulassen.

 

Der Privatkrieg, nämlich das Duell zur „Rettung der Ehre“, ist allerdings schon gegen Ende der Monarchie außer Mode geraten. Das Duell gegen sich selbst, den Freitod, hat man dem Oberst Redl gnadenhalber gewährt, nachdem er als Spion des russischen Geheimdienstes entlarvt worden war. Bereits 1925 mystifizierte ihn Hans Otto Löwenstein in einem Stummfilm zum „Totengräber der Monarchie“. 100 Jahre später hat ein anderer Verräter internationales Aufsehen erregt – genauer gesagt: Anerkennung gefunden. Er lebt noch, und zwar inkognito an einem unbekannten Ort in Russland. Der ehemalige CIA-Mitarbeiter wurde mehrfach von nichtstaatlichen Organisationen ausgezeichnet und für den Friedensnobelpreis nominiert: Edward Snowden. Das Wort „Verräter“ hat durch den Begriff „Whistleblower“ eine historische Neubewertung erfahren.

 

Der Whistleblower Edward Snowden hat zunächst im Auftrag der US-Geheimdienste private Daten ausspioniert und dann diese Geheimdienstaktivitäten publik gemacht. Die eine Sache war legal, zumindest aus US-Sicht, die andere Sache war illegal, zumindest aus US-Sicht. Aus Sicht der Datenschützer ist die Bewertung des Falles Snowden genau umgekehrt. Ich unternehme hier den gewagten Versuch, eine Bewertung aus Sicht von Thomas Morus vorzunehmen, der in seinem Buch „Utopia“, das vor 500 Jahren erschienen ist, den Verrat für damalige und heutige Verhältnisse sehr ungewöhnlich bewertet hat. Utopier verabscheuen Krieg, dulden diesen aber in Ausnahmefällen, u.a. um Tyrannen zu beseitigen. Um dieses Ziel so schnell wie möglich zu erreichen, belohnen die Utopier den Verrat. Mit Proklamationen, die überall angeschlagen werden (heute würde das wohl über Social Media laufen), „versprechen sie gewaltige Belohnungen dem, der den gegnerischen Fürsten aus dem Wege räumt. ... Dieser Brauch, den Feind öffentlich auszubieten und zu verkaufen, wird von anderen Völkern als Zeichen einer entarteten Gesinnung und als grausame Untat verworfen; sie [die Utopier] selber betrachten ihn als höchst löblich und klug, weil sie durch dieses Verfahren die größten Kriege ohne irgendeine Schlacht schleunig zu Ende bringen.“ Der Whistleblower Snowden ist aus Sicht des bestehenden Systems (nicht nur des amerikanischen, sondern auch des europäischen) ein Verräter. Nur in Utopia wäre er dafür mit Gold und Silber belohnt worden. Ironie am Rande: dieser Lohn ist in Utopia (wo Nachttöpfe und Handschellen aus Gold geschmiedet werden) nicht das Geringste wert. Snowden würde also Exil und Belohnung in Utopia dann bekommen, wenn er mit seinem Verrat das Ende einer Tyrannei ermöglicht oder zumindest beschleunigt hätte. Somit stellt sich die ethische Frage, ob die US-Plutokratie eher eine Tyrannis, oder eine Demokratie ist.“ (Zitat aus "Moral 4.0", erschienen 2017)

 

Der Ehrenkodex der Geheimdienste ist bis heute immer und überall der gleiche. Du sollst alles verraten, außer die eigenen Leute. Doch der Ehrenmord wegen Verrates ist heute nur noch üblich in kleinen Kreisen intellektuell zurückgebliebener Mafiosi oder religiös zurückgebliebener Muslime, wie die hinterhältige Hinrichtung des arabischen Journalisten Jamal Ahmad Khashoggi beweist. In Europa zählt der Begriff der „Ehre“ zu den antiquierten Begriffen des 21. Jahrhunderts. In der Moral 4.0 hat die Ehre keinen Platz mehr. Und das braucht niemanden zu beunruhigen, denn die Ehre hat ihren Platz im Rechtssystem gefunden. Jeder hat nämlich das Recht eine Klage wegen Ehrenbeleidigung einzubringen. Die Ehre ist also vom Feld der Moralität in das Feld der Legalität abgewandert – und dort soll sie auch bleiben, solange dieser Begriff als Relikt in den Köpfen mancher Menschen weiter lebt.

 

Das Neue ist das gut vergessene Alte, heißt es. So hat die Jugend  diesem Jahr angeblich den Ehrenmann und gendergleichberechtigt die Ehrenfrau entdeckt. Diese nämlich wurden von einer Jury des Langenscheidt-Verlages zum "Jungendwort des Jahres 2018“ gewählt. Dazu stellt Aron Sperber zu Recht die Frage: Gibt es „Ehrenfrauen“? (Quelle fischundfleisch)

 

Falls sich jemand in seiner Ehre gekränkt fühlt, möchte ich mich dafür entschuldigen!“ Mit dieser impertinenten Formel treten Politiker heute gerne an die Öffentlichkeit, wenn sie vorher zielgenau, aber grenzwertig bestimmte Personen oder Gruppen beleidigt haben. Impertinent, denn die Formulierung unterstellt „wer sich gekränkt fühlt“ muss wohl einen Grund dafür haben, also kann ja die Formulierung nicht so falsch gewesen sein. Offenbar ist noch niemanden aufgefallen, dass in dieser „Entschuldigung“ eine Wiederholung und damit Verdoppelung der Beleidigung steckt.

 

Die Ehre des kleinen Mannes ist die Ehrlichkeit. Ehr-lich ist was anderes als ehr-haft. Ehrlich wie kleinlich und beschwerlich, ehrhaft wie mannhaft und standhaft (dem Stande verhaftet). Den Dialog zweier ehrlicher, jüdischer Kriegslieferanten zitiert Johannes Twaroch in seinem „Anekdotenschatz“:

„- Lass dir erzählen. Ich hab angeboten der Armee einen Posten Gasmasken. Nur Gott und ich weiß, dass sie sind schlecht und lassen durch das Gas. Was tut der Kriegsminister? Lässt mich umschnallen eine Maske und steckt mich zur Probe in eine Gaskabine. Ich hab schon verrichtet meine Sterbegebete. Aber nix is mir geschehen! Moische, das war e Wunder!

- Es war ka Wunder, sagt Moische. Wo ich doch hab geliefert das Gas.“

 

Einer der Kriegsberichterstatter dieser Zeit war Sandor Friedrich Rosenfeld, der „unter diesem Namen kaum jemandem, als Roda Roda hingegen vielen als witziger Schriftsteller bekannt ist. Gemeinsam mit seinem Co-Autor Carl Rößler hatte er das Lustspiel Der Feldherrnhügel geschrieben, das oft und oft aufgeführt worden ist. Plötzlich wurde es verboten. Zugegeben, die Armee kommt darin nicht allzu gut weg. Freunde rieten dem Autorengespann, sich zu beschweren. Sie marschierten auf die Statthalterei, ein Regierungsrat empfing sie mit rotem Kopf:

- Beschwerde? Schön. Aber das sag ich Ihnen: Ihr Stück wird nicht aufgeführt, so lange die Monarchie steht.

- Gut, sagte Rößler, dann warten wir halt noch die paar Wochen.“ (Johannes Twaroch, Anekdotenschatz)

 

Die Habsburger Monarchie ist Geschichte, die Habsburger leben. Die Erste Republik ist mit ihnen sanft verfahren. Kein Vergleich zum Umgang der Bolschewiki mit den Romanows im nachrevolutionären Russland. So konnte die Ehre – und bei manchen sogar die Verehrung – der Habsburger bis heute überleben. „Karl von Habsburg hat die Ehre, eine Vielzahl an Ämtern und Funktionen inne zu haben. Jedes Amt und jede Funktion übt er voller Stolz und Dankbarkeit sowie mit großer Freude und Engagement aus.“ Das schreibt der Ehrenritter des Deutschen Ordens, Souverän des Ordens vom Goldenen Vlies, Großmeister des Sanct Georg's Orden, Großmeister der Ritterschaft vom Heiligen Sebastianus in Europa, Präsident Paneuropabewegung Österreich, Präsident Blue Shield International, Oberster Bandinhaber der katholisch-österreichischen Landsmannschaften, Schirmherr der Europäischen Gemeinschaft Historischer Schützen, Malteser Ritterorden - Bailli Großkreuz Ehren- und Devotionsritter usw (die Liste ist noch sehr lang) auf seiner Homepage karlvonhabsburg.at

 

Diese Homepage hat dem Kaiser-Enkel Anfang dieses Jahres, quasi zum 100-Jahr-Jubiläum der Abdankung der Habsburger - eine anonyme Anzeige eingebracht, denn das Führen von Adelstiteln ist in Österreich bekanntlich illegal. Im Gespräch mit der "Kronen Zeitung" erläutert Karl Habsburg seine Sicht der Dinge. Der Homepage-Name sei als internationale Marke zu verstehen, für seine Tätigkeiten sei er international bekannt, eben als "Karl von Habsburg". Viele Künstler können ein Lied davon singen, dass Marken die Welt beherrschen, zumindest die Kunstwelt.

 

Was das aktuelle Oberhaupt des Hauses Habsburg über folgenden Streit denkt ist nicht bekannt:

 

Das „EXTRAJOURNAL“ (heißt wirklich so!) berichtet am 26. Oktober 2017 über eine Ausstellung, die vor exakt einem Jahr im Wiener Kunstraum stattgefunden hat: "Habsburg und Wettin: Wirbel um Adel mit Paintbrush

Die Nachfahren gekrönter Häupter wollen sich in Wien mit Porträts des Airbrushdesigners Roland von Kuck in Erinnerung rufen. In Deutschland gibt es Wirbel: ..

Familienoberhaupt Prinz Michael-Benedikt von Sachsen-Weimar-Eisenach boykottiere die Veranstaltung und alarmierte die Bild Zeitung: Einige der Abgebildeten seien nämlich nicht standesgemäßen Verbindungen entsprungen und daher zu Unrecht „hineingeschummelt“ worden, wie die konkrete Formulierung lautete. …

Deutsche Medien haben sich so schöne Titel einfallen lassen wie „Möchtegernblaues Blut“ (Frankfurter Rundschau), „Streit im sächsischen Königshaus“ (FAZ) u.v.m.

Bloß an den Österreichern scheint dieser ganze dynastische Wirbel bis jetzt völlig unbemerkt vorbeizugehen. Schade eigentlich, klingt er doch adelstechnisch durchaus spannend“, expliziert das Extrajournal und impliziert: Die Österreicher sind zu deppert um einen Skandal zu erkennen, geschweige denn so richtig auszuschlachten! Keine Schlachtenbummler ohne (mediale) Schlachtenführer.

 

Resümee: Die Zukunftsvision der Friedensbewegung der 1980er Jahre lautete: Stell dir vor es ist Krieg und keiner geht hin. Auch wenn es heute unter europäischen Adelsgeschlechtern nur um einen Krieg der Worte geht, so lässt sich diese Vision durchaus darauf anwenden. Stell dir vor es ist ein Skandal und keiner weiß was davon! Das wäre ja gerade noch zu verkraften. Aber wie soll man einem Ausländer, nein politisch korrekt: Bürger mit Migrationshintergrund, die österreichische Mentalität erklären: Stell dir vor es ist ein Skandal, aber keiner will was davon wissen!

Im übrigen bin ich der Meinung, dass Österreich in diesem Gedenkjahr viel zu wenig Egon Friedell (1878-1938) gewürdigt hat. Es wäre schön gewesen, wenn Wien in diesem Jahr Friedells „Kulturgeschichte der Neuzeit“ für seine Gratisbuchaktion gewählt hätte. Aber es ist halt gelaufen wie immer. Ich persönlich hab mir zwei Wochen Urlaub vom Leben gegönnt [(c) Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften] um dieses epochale Werk zu lesen. Ich verstehen nicht, warum sich so wenige Menschen diesen Luxus gönnen.
 
(Erstpublikation 15.11.2018 auf thurnhofer.cc und in der Ausgabe 12/18 der Zeitschrift "The Global Player. Ehemals Die Bunte Zeitung - Medium für Würde, Gerechtigkeit und Demokratie")
 
 

 

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