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29.6.2014  - Wer Zahnschmerzen hat, dem hilft die Lektüre der Alten Meister naturgemäß nicht im geringsten. Und wer noch keine Zahnschmerzen hat, der sollte es sich genau überlegen….

 

Thomas Bernhard (1931-1989) hat mit dieser „Komödie“ (erschienen 1985) einmal mehr zur Festigung seiner Etikette als „Übertreibungskünstler“ beigetragen. Das Buch ist zwar so etwas Ähnliches wie ein Roman, es geht dabei sogar um die Liebe, aber die Subjekte des Romans sind in ihrer Historie inkonsistent, während die Objekte der Beschimpfungen durchwegs inkontinent sind: egal ob Künstler, Musiker, Dichter („Es gibt kein vollendetes Bild und es gibt kein vollendetes Buch und es gibt kein vollendetes Musikstück, …“ S. 44) oder Politiker („Wir haben widerwärtigste Regierung, die man sich nur vorstellen kann, die verheucheltste, die boshafteste, die gemeinste und gleichzeitig dümmste, …“ S. 212).

 

Ich habe Bernhard vor 25 Jahren mit Begeisterung gelesen und war wohl der erste, der den „Untergeher“ Anfang der 1990er Jahre russischen Studenten vermittelt hat. Natürlich kann man Bernhards Sprache als musikalisch bezeichnen. Das ist mittlerweile ein Gemeinplatz. Aber kann man, oder muss man damit das, was er sagt, vollkommen von dem, wie er es sagt, loslösen? Zählt nur das Wie, die Sprachmelodie, so wird das Was bedeutungslos. Hier ein paar Inhalte, die man so oder so ähnlich auch an jedem Stammtisch hören könnte:

 

Zdrahal Bernhard 500

BILD: Ernst Zdrahal, "Bernhard in Grinzing"

Weitere Bilder von Ernst Zdrahal

 

„Keines dieser weltberühmten Meisterwerk, gleich von wem ist tatsächlich ein Ganzes und vollkommen.“ S. 42

„In letzter Zeit besuchen mehr Italiener als Franzosen, mehr Engländer als Amerikaner das Kunsthistorische Museum. Die Italiener mit ihrem angeborenen Kunstverstand treten immer auf, als wären sie die von Geburt an Eingeweihten. Die Franzosen gehen eher gelangweilt durch das Museum, die Engländer tun so, als wüßten und kennten sie alles. Die Russen sind voll Bewunderung. Die Polen betrachten alles mit Hochmut. Die Deutschen schauen im Kunsthistorischen Museum die ganze Zeit in den Katalog, während sie durch die Säle gehen, und kaum auf die an den Wänden hängenden Originale, sie folgen dem Katalog und kriechen, während sie durch das Museum gehen, immer tiefer in den Katalog hinein, so lange, bis sie auf der letzten Katalogseite angelangt und also wieder aus dem Museum draußen sind.“ (S. 49f)

„Das größte und das bedeutenste Kunstwerk liegt uns am Ende doch schwer als ein riesiger Klumpen Gemeinheit und Lüge im Kopf, wie ein viel zu großer Klumpen aus Fleisch im Magen. Wir sind von einem Kunstwerk fasziniert und es ist am Ende doch lächerlich.“ (S. 68)

„Die Maler malen Mist, die Komponisten komponieren Mist, die Schriftsteller schreiben Mist, sagte er. Den größten Mist machen die österreichischen Bildhauer, sagte Reger. Die österreichischen Bildhauer machen den größten Mist und ernten dafür die größte Anerkennung, so Reger, das ist charakteristisch für diese stupide Zeit.“ (S. 219)

„Die Alten Meister ermüden rasch, wenn wir sie skrupellos anschauen und sie enttäuschen immer, wenn wir sie einer eingehenderen Betrachtung unterziehen, wenn wir sie sozusagen zu einem rücksichtslosen Objekt unseres kritischen Verstandes machen.“ (S. 301) „Alle diese Alten Meister sind ja Gescheiterte, … Davon ganz abgesehen, daß alle diese sogenannten Alten Meister immer doch nur ein Detail ihrer Bilder wirklich genial gemalt haben, kein einziger von ihnen hat hundertprozentig ein geniales Bild gemalt, … entweder sie scheiterten am Kinn oder am Knie oder an den Augenlidern, so Reger. Die meisten scheiterten an den Händen,...“ (S. 303f)

 

Man muss Bernhard heute wohl so lesen, wie Bernhards Protagonist, der Musikkritiker Reger, Adalbert Stifter gelesen hat, nämlich „präzise und radikal“.

 

„Dieser Stifter, sagte er gestern, den ich selbst immer so ungeheuerlich verehrt habe, daß es schon mehr gewesen war als Kunsthörigkeit, ist doch genauso ein schlechter Schriftsteller bei eingehender Beschäftigung … Ein so fehlerhaftes und stümperhaftes Deutsch oder Österreichisch, wie Sie wollen, habe ich vorher in meinem ganzen Geistesleben nicht gelesen bei einem solchen ja heute tatsächlich gerade wegen seiner gestochenen und klaren Prosa berühmten Autor. Stifters Prosa ist alles andere als gestochen und sie ist die unklarste, die ich kenne, sie ist vollgestopft mit schiefen Bildern und falschen und verqueren Gedanken und ich wundere mich wirklich, warum dieser Provinzdilettant, der immerhin Schulrat in Oberösterreich gewesen ist, heute gerade von den Schriftstellern und vor allem von den jüngeren Schriftstellern und nicht von den unbekanntesten und unauffälligsten so hoch geehrt wird. Ich glaube, alle diese Leute haben Stifter niemals wirklich gelesen, sondern immer nur blind verehrt. … Stifter ist in Wahrheit einer der phantasielosesten Schriftsteller, die jemals geschrieben haben und einer der anti- und unpoetischsten gleichzeitig.“ (S. 72 ff)

 

SIEHE AUCH: Alte Meister - Neue Meister

 

Ergänzung 12.2.2018 auf fischundfleisch.com - Todestage. Heute: Thomas Bernhard

 

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