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Laudatio zum 50. Geburtstag von
Hubert Thurnhofer, 11. März 2013

von Wilfried Seywald

 

Lieber Hubert, liebe Festgäste !

 

Gestern war ich im Großen Musikvereinssaal, um einem Konzert des Musikgymnasiums Wien zu folgen. Unter der Leitung von Richard Böhm spielten und sangen die SchülerInnen der Unter- und Oberstufe drei großartige Stücke:

Zuerst Franz Schuberts „Unvollendete“ Sinfonie in H-Moll, dann ein modernes Sprech- und Singstück von Herwig Reiter nach Texten von Peter Turrini im Stil von Carl ORFF. Mit folgendem Inhalt: Was macht man, wenn man von einem Erwachsenen Blödmann geschimpft wird? Oder: Was macht man, wenn ein Löwe daherkommt? Zuletzt gaben die Jugendlichen das Requiem in D-Moll von Mozart für Soli, Chor und Orchester.

Im Anschluss daran fragte ich meine Tochter, warum denn gerade diese Auswahl? Sie zuckte mit den Schultern, fand die Auswahl aber ein wenig fragwürdig – ohne das weiter zu erklären. Ich interpretierte die Auswahl interessant, als Spiegelbild unserer heutigen Zeit.

Das Lebensgefühl und die immer rücksichtslosere Informationsflut erlaubt alles, zeitgleich und nebeneinander zu produzieren und zu konsumieren, ohne Rücksicht und Empfindlichkeit, samt gewollten Peinlichkeiten: Papstwahl und Dancing Stars im Nachrichtenblock, Facebook am Handy und Finanzkrise im Netz, Harald Glööccklers schwule Verlobung auf dem Opernball und daneben die Flüchtlinge in der Votivkirche, die ältere Frau im SternTV, die in der Mülltonne nach Leergut zum Eintauschen sucht.

Hubert Thurnhofer ist in eine solche Zeit hineingeboren, und er ist in der Tat ein Mensch, der in diese Zeit hineinpasst. Auch sein Leben ist voll von Brüchen und Übergängen, von unerwarteten Wendungen – etwa nach dem Motto „anything goes“ – aber nie „nach mir die Sintflut“. Ja man kann sagen, er probiert gerne aus und hofft geradezu, dass ein Löwe daher kommt, den er bändigen könnte.

 

Die Unvollendete in H-Moll

Der große Wiener Romantiker Franz Schubert ist bekanntlich schon mit 31 Jahren gestorben. Er hat mit der „Unvollendeten“ ein Werk hinterlassen, dass zu den Schönsten seiner Art zählt. Die zentrale Melodie ist so stark und melancholisch zugleich, dass sich jedes Herz sofort öffnet, und der Schmerz und die Liebe unmittelbar wirkt. Aber wer hat gewusst, dass diese Sinfonie erst 43 Jahre nach ihrer Entstehung uraufgeführt wurde? (Man musste sie dem Komponisten, Freund und Sammler Anselm Hüttenbrenner geradezu aus seiner Notensammlung entreißen.)

Ich denke auch vieles von dem, was Hubert heute macht und leistet, wird in seiner ganzen Größe und Bedeutung vielleicht erst in einigen Jahren realisiert. Das ist ja seine Stärke. Aufbrausend, euphorisch oder emotional – gibt er sich selten, er liebt die leise Klinge, unaufgeregt und kalkuliert – aber voller Kreativität und Innovation, mit vielen Talenten, die noch in der Schublade schlummern.

Hubert kommt aus Langenwang im Mürztal, aus der Waldheimat Peter Roseggers, und aus einer behüteten Familie mit sechs Kindern, Vater Baumeister, Mutter wie Schwestern – dominant. Als heller Kopf befreit er sich rasch aus dieser Umklammerung und geht schnurstracks nach Wien. Seine literarische Ader entdeckt er während des Studiums der Philosophie, das er 1982 aufnimmt und – völlig unorthodox und effizient – schon fünf Jahre später abschließt. Thema: „Robert MUSIL als Philosoph“. Hier zeigt sich bereits der Tiefgang seiner Gedankenwelt und der Blick auf das Wesentliche – der Versuch, die Dinge hinter der Oberfläche zu ergründen und zu verstehen.

 

Der Mann ohne Eigenschaften

Musils Hauptwerk ist „Der Mann ohne Eigenschaften“, ein elend langer Wälzer, an dem der große Dichter von 1921 bis zu seinem Lebensende 1942 schrieb, ohne ihn je abzuschließen – gewissermaßen also auch eine „Unvollendete“ Sinfonie. Der Protagonist des Werks, ein Intellektueller namens Ulrich, beschließt im August 1913, für ein Jahr „Urlaub vom Leben“ zu nehmen, nachdem sein dritter Versuch, eine Karriere zu beginnen, gescheitert ist.

Da kommt es ihm sehr entgegen, dass sein Vater ihn auffordert, sich als Sekretär bei einer hochgestellten Verwandten zu bewerben. Diese will das siebzigjährige Thronjubiläum von Kaiser Franz Josef 1918 mit einem großen symbolischen Akt feiern. Da im gleichen Jahr auch der deutsche Kaiser Wilhelm II sein dreißigstes Regierungsjahr vollendet, nennt sich der Vorbereitungskreis – Parallelaktion.

Doch erweist sich diese Aufgabe als unmöglich, denn in einer Zeit, in der jeder nur seine eigenen Interessen verfolgt, lässt sich keine umfassende Idee mehr finden, mit der sich alle identifizieren könnten. Ulrich erkennt, dass die Idee von Anfang an zum Scheitern verurteilt ist, wodurch ein weiterer Versuch fehlschlägt, seinem Leben einen Sinn zu geben.

 

Umbruch in Moskau

Hubert Thurnhofers „Parallelaktionen“ sind nicht minder aufregend. Nach dem Studium legt er gleich ein zweites Buch nach: „Ganz Mürzzuschlag“ (1988). Hier verarbeitet er seine Jugendjahre, nein er arbeitet sich an seiner Heimatstadt ab, um dann nach Moskau aufzubrechen und ein neues Leben zu beginnen. Ganze fünf Jahre, von 1989 bis 1994, ist er dort als Lektor an der Moskauer Universität tätig, für die Fächer Deutsch und österreichische Landes- und Kulturkunde.

Er erlebt den Umbruch mit eigenen Augen, zunächst die Öffnung mit Glasnost und Perestrojka, dann den Augustputsch 1991 gegen Gorbatschow, die Auflösung der Sowjetunion im selben Jahr, die Gründung der russischen Föderation, die Machtübernahme von Jelzin, den Parlamentssturm und die blutige Niederschlagung im Oktober mit 190 Toten. Hubert Thurnhofer verfolgt die chaotischen Zustände rund um die überstürzte Demokratisierung und Privatisierung hautnah, den Zusammenbruch der Industrie, die Verarmung breiter Bevölkerungsmassen und die Herausbildung einer dünnen Schicht von einflussreichen superreichen Oligarchen.

Die russische Seele, die er begierig aufnimmt und der besondere Lifestyle, den er sich in diesen Jahren in Moskau aneignet, kommt seinem philosophischen Naturell durchaus entgegen, wenngleich er eines verabscheut, um (wie Gerard Depardieu) ein ganzer Russe zu werden – den Vodka. Dafür entdeckt er in Russland seine ganze Liebe zur Kunst und noch einiges mehr. Eine Muse wird ihn von nun an durchs Leben begleiten – in guten und schlechten Tagen: Marina Janulajtite-Thurnhofer.

 

Ja, was macht man bloß, wenn die Nachbarstochter über den Zaun schaut und Dich anlacht?

So beginnt der zweite Teil des Musikwerks von Herwig Reiter nach einem Text von Peter Turrini, der einem adoleszenten Jungen im Garten gewidmet ist und die ganze Aufregung rund um das erste Verliebtsein im Leben thematisiert. Ich persönlich habe Hubert ja nie wirklich zugetraut, dass er einmal seine Emotionen rauslässt – zu Unrecht. Im Laufe der Jahre wird aus dem etwas steifen Russen tatsächlich noch ein echter Latino – mit ungekannten italophilen und frankophonen Akzenten.

Zurück in Wien – entwickelt Hubert Thurnhofer jedenfalls neue Lebenskonzepte, ganz nach seinem Vorbild Musil. Vieles von dem, was der Mensch tut, ist ja vorherbestimmt, doch alles dient auch dem einen Ziel, dem Leben Sinn zu geben, sagt Ulrich. Und diesen Sinn findet Hubert in der konsequenten Förderung zeitgenössischer Malerei und Skulptur aus Österreich und Osteuropa. Er wird 1994 Galerist und beginnt mit Veröffentlichungen über Kunst und Kunst-Investments in Tageszeitungen, Wirtschafts- und Fachmagazinen. Ein dazu passendes, sinnstiftendes Buch erscheint viele Jahre später, 2006, im Styria Verlag, unter dem durchaus treffenden Titel: „Wissen! Anworten auf unsere großen Fragen.“

Die kontinuierliche Galerie- und Ausstellungstätigkeit in mehreren Ländern ist allerdings nur eine seiner Maßnahmen zur Sinnfindung. Thurnhofer wird auch Journalist, Verleger, Herausgeber und Kommunikationsberater. Er schreibt regelmäßig für das Wirtschaftsblatt, zwischen 1997 bis 2000 ist er Chef einer russischen Bau-Zeitschrift, von 1999 bis 2002 Chefredakteur der Nachrichtenagentur pressetext, ab 2003 betreibt er eine eigene PR-Beratung mit Sitz in Kapfenberg und leitet Seminare für effiziente Öffentlichkeitsarbeit und Workshops für Kunstinvestoren und Kunstsammler quer durch Österreich, Deutschland und die Schweiz. Er schreibt als Kolumnist auf seinem persönlichen Blog thurnhofer.cc und zum Thema Wirtschaftsethik in der Bunten Zeitung. Dort geiselt er Fehlentwicklungen in der Kunstszene ebenso wie Managementfehler von Startups wie Konzernen.

 

Kein Blatt vor dem Mund

Auf eben diesen Online-Plattformen hat sich Hubert Thurnhofer oft mit unbequemen Fragen und Statements Aufmerksamkeit verschafft. Er ist kein Verächter leichter Kost, er nimmt sich aber auch kein Blatt vor den Mund, wenn er anderer Meinung ist und diese öffentlich macht – und das ist er meistens mit Nachdruck. Aber er provoziert nicht der Provokation willen – sondern mit Tiefgang und Überzeugtheit, das ist er seiner philosophischen Herkunft schuldig – selbst dann wenn er damit seinen eigenen Interessen weh tut.

Thurnhofer ist ein Mann der Tat, und geht stur und unbeirrt seinen Weg. Aber er kennt auch die Unwägbarkeiten des Lebens und er kann mit diesen umgehen. Immer dann, wenn etwas nicht so klappt wie erhofft, zieht er sich in sein Kämmerchen zurück, nimmt wie Musils Ulrich „Urlaub vom Leben“ und bringt seine Gedanken zu Papier. Eines der besten und schönsten Bücher ist so entstanden – die Streitschrift „Glaube Hoffnung Management“, in dem er 2009 die oft schwierige Entscheidungsfindung in Unternehmen thematisiert.

Köstlich finde ich ein weiteres, noch unveröffentlichtes Manuskript, das während eines anderen „Urlaubs vom Leben“ entstand. Den Kunst-Krimi „Das Testament des Damien First“ 2011. Richtig erraten, da geht es um unerhörte Vorgänge rund um den berühmten Namensvetter und Kozeptkünstler. Hier tritt das ganze literarische Talent Thurnhofers spannend, amüsant und selbstironisch verpackt zu Tage. Ein gelungenes Stück, das seiner Uraufführung harrt. Noch 43 Jahre wird es hoffentlich nicht dauern, bis ein Verlag diese Sternstunde erkennt.

 

Requiem in D-Moll

Mozart war 36, als er sein Requiem in D-Moll schrieb, eines der meistgehörten Meisterwerke auf Youtube. In diesem Alter wurde Hubert Thurnhofer Chefredakteur von pressetext, zu dieser Zeit einer der meistgelesenen Online-Plattformen in Österreich. Jetzt, knapp 15 Jahre später, ist er wieder bei pressetext, um einen neuen Lebensabschnitt zu gehen. Er leitet jetzt das Berliner Büro der Nachrichtenagentur. Was bewegt ihn dazu?

Auch das Mozart-Requiem blieb unvollendet und wurde erst von seinem Schüler und Freund Franz Xaver Süßmayr vervollständigt, zum Teil nach Skizzen des Meisters. Das Stück selbst war eine schnöde Auftragsarbeit zum Preis von 50 Dukaten und wurde nur deshalb finalisiert, da Mozarts Frau Constanze den Rest des angezahlten Honorars dringend nötig hatte und Süßmayer mit Drohungen vorantrieb.

Womit auch schon das wichtigste gesagt wäre. Das eine ist die Muse, und die Leidenschaft, das andere sind die Erfordernisse des täglichen Lebens. Das eine ist die „Kunst zu leben“ – das andere „von der Kunst zu leben“. Mit 50: Da blickt man gerne mal zurück und zieht Bilanz. Mit 50, in der Mitte des Lebens, trifft man aber vielleicht auch noch mal Entscheidungen für die Zukunft und den Rest des Lebens. Wieviel Zeit bleibt noch, und wie ist diese sinnvoll zu nutzen?

Als Galerist verkauft man Kunstwerke; als Berater, Intellektueller oder Philosoph verkauft man sein Know-how und Wissen, und das ist ziemlich immateriell. In Wahrheit verkauft jeder arbeitende Mensch einen Teil seiner Lebenszeit, das wertvollste Gut, das wir Menschen hier auf Erden haben. Viele Leute werden an ihrem 50er erstmals gewahr, dass sie oft wertvolle Zeit vergeuden, für unnötige Dinge ausgeben. Zeit ist pures Geld, man kann sie gut investieren oder unnütz vergeuden.

Mit 50 denken sie dann darüber nach, wie man die verbleibende Zeit möglichst effizient nutzt, um davon auch profitieren zu können.

 

Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Die Gefahr ist groß, die Zeit zu übersehen, die da an uns so rasch vorbei läuft. Marcel Proust, einer der großen französischen Dichter zu Beginn des 20. Jahrhunderts, ging in seinem Hauptwerk „Auf die Suche nach der verlorenen Zeit“. (À la recherche du temps perdu)

Das siebenbändige Mammutwerk, geschrieben zwischen 1908 bis 1922, handelt von einem Mann aus gutem Hause, der Zeit seines Lebens Schriftsteller werden will, den aber seine Gesundheit und Trägheit daran hindern, ein literarisches Werk zu schaffen.

Das kann man Hubert Thurnhofer wahrlich nicht vorwerfen. Was er sich einmal vorgenommen hat, das hat er auch konsequent durchgezogen – mit und gegen alle Widerstände und Widrigkeiten, die das Leben eben so bereithält. Viele Freunde, Weggefährten, Künstler und Kunden zollen dafür echte Bewunderung und Anerkennung. Dafür, dass hier jemand steht und kämpft und weiter für seine Ideale und Ziele durchhält. Das ist eine Leistung, die nicht genug gewürdigt werden kann, und für die wir DANKE sagen.

Vielen Menschen denken mit 50 schon an den Vorruhestand, an ein Häuschen im Grünen oder an einen Ausstieg aus den Konventionen des Alltags. Andere befinden sich da gerade in der Blüte ihres Lebens. Ich denke mal, Schubert oder Mozart hatten leider keine Zeit mehr, von ihren großen Werken zu profitieren, bei Hubert Thurnhofer aber bin ich mir sicher. Er weiß, was man macht, wenn die Nachbarstochter über den Zaun schaut und ihn anlacht. Da kommt noch einiges auf uns zu ---- Und dafür möchte ich mich schon heute im voraus bedanken.

Ich freue mich auf weitere erbauliche Werke und gute Taten. Ich wünsche Dir, lieber Hubert, alles Gute zum Geburtstag. Lass uns auch in den nächsten 50 Jahren an Deinen Träumen teilhaben!

© Wilfried Seywald

TSundPartner

Foto (v.l.n.r.) Franz Temmel, Hubert Thurnhofer, Wilfried Seywald. Weitere Fotos der Geburtstagsfeier siehe fotodienst.at

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