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1. Mai 2008: Christi Himmelfahrt am Tag der Arbeit. So drängt sich die Frage auf, warum die Obrigkeit der Kirche mit der Niedrigkeit der Kunst, die als Künstlerproletariat immer weitere Kreise zieht, keine Berührungspunkte mehr aufzuweisen hat. Tatsächlich ist die Beziehung zwischen Kirche und zeitgenössischer Kunst in einem derart desolaten Zustand, dass dafür ein eigener Begriff kreiert werde muss: kirchostrophal. Die Kirchostrophe ist die ins Metaphysische gesteigerte Form der Katastrophe. Die Kirchostrophe ist mit irdischen Instrumenten nicht messbar wie Naturkatastrophen und daher mit irdischen Mitteln auch nicht zu beheben. Gott selbst steht der Kirchostrophe machtlos gegenüber.

Symptomatisch für die Kirchostrophe ist die Verleihung von allerlei kirchlichen Kunstpreisen, wie zuletzt der Preis der Diözese Graz Seckau an Lotte Lyon. Lyons Kunst ist minimalistisch, ihre Meisterschaft besteht darin, Juroren aller Jurien zu vereinnahmen. So erhielt sie 2007 den Kunstförderungspreis der Stadt Graz, ein Staatsstipendium für künstlerische Fotografie und den Kunstpreis der Diözese Graz-Seckau, 2006 den Preis der Steiermärkischen Bank & Sparkassen AG, weiters Arbeitsstipendien in Paris (1997, 2002), New York (2003) und Rom (2005). Lyon hat offenbar alle erdenklichen Preise und Fördermittel abonniert, Ausstellungen hat sie noch wenige gemacht.

Im Internet findet sich eine Info über Loyns Ausstellung in der Neuen Galerie Graz, 2004. Zentrales Objekt der Ausstellung waren zwei Plastikstühle, einer blau, der andere rot. Egon Kapellari schafft es in seinem Bischofswort zur Verleihung des Preises der Diözese am 3. Dezember 2007 die Künstlerin und ihr Werk mit keinem Wort zu erwähnen. Hätte Kapellari die Verleihung nicht nutzen können um uns zu sagen, was die Kirche im 21. Jahrhundert von der Kunst erwartet? Und was hat die Kirche heute über die Kunst zu sagen, oder was hat sie der Kunst zu sagen? Wie hätte er die beiden Plastikstühle von Lotte Lyon interpretieren können? Der Papst sitzt zwischen den Stühlen, der Heilige Stuhl in seiner Polarität zwischen heißer Wirklichkeit (rot) und kalter Dogmatik (blau), oder, besonders originell: der Kampf zwischen Himmel (blau) und Hölle (rot). Damit hätte er wenigstens der Minimal Art aus ihrer Isolation geholfen, wenn auch durch Dekonstruktion der von der Minimal Art selbst definierten Regeln und Verbote. Doch wozu soll sich denn ein Bischof inhaltlich auseinander setzen?

Die allgemeine Verwirrung darüber, was Kunst ist, was Kunst heute darf oder nicht darf, soll oder nicht soll, hat natürlich auch die Kirche in die völlige Desolation getrieben. Kein Bischof, ja nicht einmal der Papst, darf sich heute über einen Hohepriester der Kunst stellen, der da behauptet: "Im Falle der Kunst gibt es keine objektiv überprüfbaren Kriterien, mit deren Hilfe man die Qualität beurteilen könnte. Man kann nicht einmal objektiv sagen, ob ein bestimmter Gegenstand überhaupt Kunst ist oder nicht" (Dieter Ronte). Dass die Kirche heute nicht mehr definiert, welche Kunst sie in ihren sakralen Räumen sehen will und welche Kunst sie dem entsprechen fordert und fördert, macht es auch unmöglich, einen Dialog mit der Kunst respektive den Künstlern zu führen. Über welche Position soll denn diskutiert werden, wenn sich niemand auf eine Position festlegt?

Das „Kunst ist nicht definierbar“-Axiom führt nicht nur zur Kirchostrophe, sondern zur Desolation der Kunst insgesamt. Jedes Reden über etwas, das nicht mehr definiert werden kann, ist nicht einmal ein Reden über Nichts, sondern einfach nichts, leeres Gewäsch, freies, assoziatives Plätschern von Worten und Wortfolgen, ohne Anspruch auf Allgemeingültigkeit; verpflichtet lediglich der absoluten Beliebigkeit, die so zum dogmatischen A priori des gesamten Kunst-Diskurses wird.

Eines ist sicher: zwei „verblüffend simple Objekte“, deren „Benutzbarkeit, Inhaltslosigkeit, industrielle Herstellung“ (Zitat Neue Galerie) sind nur deshalb, weil sie in einer Galerie von einer Künstlerin ausgestellt wurden, noch keine Kunst. Zwei Plastiksessel sind – egal mit welcher Intention und in welchem Raum – grundsätzlich keine Kunst. Zwei Plastiksessel, das ist ein Plastiksessel zuviel oder vielleicht ein Plastiksessel zu wenig. Zwei Plastiksessel sind Kunst, sind ein Gottesdienst, sind eine Demonstration, sind die Schwulen-Ehe, sind Adam und Eva, sind Elisabeth und Maria Stuart, sind alles und nichts. Nach diesem Schema der Beliebigkeit kann ich als Künstler heute alles zur Kunst erklären. Ich setze mich ins Auto und fahre nach Graz. Meine Fahrt nach Graz ist Kunst. Der Stau bei der Ausfahrt von Wien – Kunst. Die Zufahrt zur Südautobahn – Kunst. Die Schallschutzwände – Kunst. Die Umleitung auf die Gegenfahrbahn mit den vielen blinkenden Lichtern – Kunst. Die Baustelle am Wechsel – der Höhepunkt des Kunstgenusses: Diese unglaublich präzis geplante Choreographie im Zusammenspiel von Kran, Bagger und Bauarbeitern, und die Ästhetik, wie der Schotter vom Kipper auf die Trasse fließt.... Die Verkehrsberuhigungsanlage bei Gleisdorf - Kunst. Die Einfahrt nach Graz – Kunst.

Dass alle kirchlichen Preise in den vergangen Jahren und Jahrzehnten ausschließlich an nicht-christliche Künstler verliehen wurden, kann nicht als Zeichen eines liberalen, offenen Dialogs der Kirche mit der Kunst gewertet werden, sondern nur als Zeichen der Orientierungslosigkeit der Kirche, die mittlerweile in die Kirchostrophe gemündet ist. Das ist so, als würde die Kirche bekennende Atheisten zu Theologen promovieren und zu Priestern weihen. Eine Utopie? Wahrscheinlich schon Realität. Hauptsache es sind Männer, die die kirchliche Hierarchie aufrecht erhalten, da reicht es wohl, dass sie ihr Interesse an der Theologie bekundet haben und wenigstens an irgendwas glauben, sei es an Gott, oder sei es an Nichtgott. Viel schlimmer wäre da schon, wenn verheiratete Männer, geschweige denn fromme Frauen den Gottesdienst ausführen würden. Das wäre der sichere Untergang des Kirchensystems, wie es heute besteht. Da sind der Kirche die Priester-Päderasten schon lieber, die mit dem Zölibat nicht anders fertig werden als ihre Sexualität bei Jungschar und Firmlingen auszutoben. Haben wir doch Jahrhunderte bei den Exzessen der Päpste und Bischöfe weggeschaut, wollen wir heute beim kleinen Priesterfußvolk nicht so streng sein.

Jahrhunderte hat die Kirche bei all ihren Verfehlungen doch auch nach Höherem gestrebt und dieses Streben künstlerisch untermauert. Heute strebt die Kirche nur noch danach, den Schein zu wahren, doch der Schein trügt, aber das weiß heute jedes Kind bereits bei der Erstkommunion.

UM:Druck, Juni 2008

weiters erschienen in: Die Bunte Zeitung, Oktober/November 2008 

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