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 Die Presse-Redakteurin Barbara Petsch beschäftigt sich mit dem Kunstmarkt (Print-Ausgabe, 21.11.2010). Unter dem etwas zu reißerisch geratenen Lead „Ein Auktionsrekord jagt den anderen. Wer macht die Preise? Wer sind die "Reichen", die sie zahlen?finden sich leider keine neuen Einsichten. Nicht einmal Neuigkeiten, sondern fast nur aufgewärmte alte Klischees:

 

„Bedenkt man, dass jüngst ein Jackson Pollock für 140 Mio. Dollar verkauft wurde, wirken die Preise heimischer Künstler mager.“ Abgesehen von der falschen Vorstellung, dass es einen homogenen Kunstmarkt gibt, vergleicht die Redakteurin hier Trüffel mit Erdnüssen. Die Aussage ist vergleichbar mit der Feststellung: Im Vergleich zum Börsenwert von Google ist der Wert von diepresse.com sehr mikrig. Zweifelsfrei richtig. Aber wer würde jemals google.com mit diepresse.com vergleichen?

 

„Geschmack ist auch eine Frage des Zeitgeists. Derzeit gehen Pop, Fotografie sehr gut. Weniger beliebt: sakrale Kunst.“ Wer sagt das? All jene, die gerade Pop und Fotografie auf Lager haben.

 

„Der Kunstmarkt erlebte zuletzt einen Boom. Dann kamen die Krise und der Einbruch, speziell bei Zeitgenossen. Nun ist man in einer Erholungsphase. Käufer sind vorsichtiger geworden. Dafür strömen neue potente Gruppen herbei: Chinesen, Russen, Inder.“ Die neuen, potenten Gruppen haben dazu beigetragen, die Preise auf Auktionen in die Höhe zu treiben, die strömen nicht erst jetzt herbei, sondern sind schon lange da.

 

„Wer macht nun die Preise? Federführend sind im Wesentlichen zwei internationale Internet-Dienste, Artnet und Artprice. Dort kann man gegen Gebühr jeden aktuellen Preis jedes Künstlers nachsehen.“ Hat die Redakteurin den Unterschied zwischen „machen“ und „dokumentieren“ nicht verstanden?

 

„Der wahre Wert eines Künstlers erweist sich meist erst nach seinem Tod. Einer der größten Blue Chips ist Picasso, schon zu seinen Lebzeiten nicht nur ein großer Künstler, sondern auch ein Geschäftsmann mit besten Verbindungen zum Handel.“ Besser kann man eine Prämisse mit einem empirischen Beispiel nicht widerlegen. Gibt es keine anderen Beispiele in der Kunstgeschichte außer Picasso? Abgesehen davon stellt sich die Frage: was ist der "wahre" Wert eines Kunstwerkes. Und: was haben eigentlich Preis und Wert miteinander zu tun?

 

„Andrea Jungmann, Chefin von Sotheby's Österreich, sammelt selbst österreichische Kunst. Baillou, Leiterin von Christie's Österreich, interessiert sich für Fotografie, sammelt nicht, würde aber, wenn sie es täte, Cartier-Schmuck der 1920er Jahre wählen.“ Nett, diese Vorbildwirkung. Besonders Baillou. Das ist so, als würde Michael Fleischhacker sagen: ich bin zwar Presse-Chefredakteur, schreibe aber selbst keine Artikel.

 

120 Lilia

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