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Der Ökonom, Sozialtheoretiker, Politberater und Aktivist, Jeremy Rifkin hat der Empathie ein Buch gewidmet, um damit „Wege zu einem globalen Bewusstsein“ zu weisen. Das Konzept ist zukunftsorientiert und deshalb begrüßenswert. Der letzte Satz des Buches bringt Rifkins Utopie auf den Punkt: „Der Kollaps der Erde lässt sich nur verhindern, wenn eines rechtzeitig die ganze Menschheit umfasst: das universalisiert empathische, das biosphärische Bewusstsein.“ Damit landet Rifkin punktgenau bei dem Paradoxon jeder Utopie: sie ist endzeit-orientiert (quasi-religiös eschatologisch) und hilft uns mit seinem Ausschließlichkeits-Anspruch („lässt sich nur verhindern“) bei der Lösung der akuten Probleme unserer Zeit relativ wenig. Genauer gesagt: gar nicht.

 

Empathie 500

 150 Jahre japanisch-österreichische Freundschaft (9.11.2019 im Kunstraum)

 

Das Buch besteht aus drei Teilen. Im ersten Teil begründet Rifkin die These des empathischen Bewusstseins biologisch: „Unser Gehirn ist auf Empathie geschaltet – es ist unsere Natur, es ist das, was uns zu sozialen Wesen macht. Und alles spricht dafür, dass das Drehbuch zur Evolutionsgeschichte des Menschen umgeschrieben werden muss.“ Den Anfang dazu hat Rifkin schon mal gemacht. Nach der biologischen Prämisse ist prinzipiell fraglich, wozu er den zweiten Teil des Buches „Empathie und Zivilisation“, die historische Herleitung der Empathie, benötigt. Wohl damit „das Zeitalter der Empathie“, so der Titel des dritten Teils, nicht den Anschein erweckt, es würde uns überrumpeln. Hier erklärt Rifkin auch den Zusammenhang von Natur und Zivilisation: „Das weltweite Reisen hat wie die weltweiten elektronischen Medien und die weltweite Migration das zentrale Nervensysem unserer Spezies erweitert“. Ich bin überzeugt, Rifkins Thesen werden bei Biologen voll einschlagen. Allerdings anders, als er sich erhoffen dürfte.

 

Ich bin nicht der Meinung, dass unser Gehirn auf Empathie geschaltet ist, aber ich bin der Meinung, dass wir unser Verhalten auf Empathie umschalten können. Die Empathie ist eine Einstellung, aber nicht jede Einstellung ist empathisch. Eine Einstellung ist keine biologische Grundprogrammierung, da ja sonst jeder Mensch mit der gleichen Einstellung zur Welt käme, sondern Ergebnis der Moral, mit der wir aufwachsen. Und so, wie die Erziehung durch die Eltern in der Selbsterziehung mündet („Selbstverwirklichung“ ist dafür der gebräuchliche Begriff), so sollte jeder Mensch imstande sein, die Einstellungen, die er als Kind mit bekommen hat, als Erwachsener selbständig, autonom, zu verändern.

 

Seine Einstellung zu ändern ist vergleichbar mit dem Stimmen eines Instruments. Die Empathie ist vergleichbar mit Taktgefühl und das Orchester ein idealtypisches Modell einer Gesellschaft. In welchem Orchester willst du spielen? Welches Instrument willst du spielen? Wie stellst du dich auf die anderen Musiker ein? Wenn du dich einmal für die Violine entschieden hast, bist du nicht gezwungen, nur noch dieses Instrument zu spielen. So kannst du auch deine Einstellungen jederzeit selbst ändern, du musst nicht auf die Profis der Werbeindustrie und Propagandaabteilungen der Politik warten, bis sie diesen Job übernehmen!

 

Jeremy Rifkin

Die empathische Zivilisation. Wege zu einem globalen Bewusstsein, Frankfurt am Main, 2010

 

Der Artikel ist ein Auszug aus dem Buch Moral 4.0

 

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