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(Pfingsten 2019) An Pfingsten kam der Heilige Geist herab auf die Apostel. Heute erinnern sich Christen gerne daran, dass der Geist weht wo er will, gemäß 1 Korinther 12,7-11: „Jedem aber wird die Offenbarung des Geistes geschenkt, damit sie anderen nützt. … Das alles bewirkt ein und derselbe Geist; einem jeden teilt er seine besondere Gabe zu, wie er will.“

 

Drewermann 97.Katholikentag 500

(c) ludger1961 (wikipedia)

 

So kann schon mal ein Priester zum Häretiker werden, aber trotzdem am Katholikentag predigen. So geschehen im katholischen Niemandsland Leipzig (3-5 Prozent Katholiken-Anteil), wo der Theologe Eugen Drewermann beim Katholikentag 2016 auftreten durfte, obwohl er 1992 vom Priesteramt suspendiert wurde und 2005 aus der Kirche ausgetreten ist. Drewermann war nicht nur katholischer Priester, sondern auch Psychotherapeut, also gleichsam ein Apostel Jesu und Freuds in Personalunion. Er vereint also in sich die zwei wichtigsten Weltanschauungen, die das 20 Jahrhundert in Europa und Amerika geprägt haben.

 

Drewermanns Beitrag zum Katholikentag wurde in dem Büchlein „Mehr als Gerechtigkeit“ zusammengefasst und dieser Geistesströmung wollte ich mich heute hingeben. Zumal die beiden Werte Freiheit und Gerechtigkeit in der Geschichte der Moralphilosophie von der indischen und chinesischen Ethik bis in die Gegenwart am häufigsten genannt werden, wenn es um die Bestimmung der „höchsten“ Werte der Menschen geht. Dem entgegen fordert Drewermann „mehr“ als Gerechtigkeit und erklärt uns sogar „Wie Jesu Botschaft alle Ethik überwindet“ (so der Untertitel seines Buches).

 

Normative Ethik und juridisches Denken sind demnach einerlei, gemäß der Aussage Ciceros: suum cuique (jedem das Seine). Damit werde die Basis des Egoismus nie überschritten, meint Drewermann und erklärt: „Recht begründet sich in diesem Denken einzig durch die Autorität der Machtbesitzenden. Es trägt daher den Schimmer der Willkür.“ Willkür herrscht aber nicht nur in den Gesetzen der Menschen, sondern auch in den Gesetzen Jahwes, der den Menschen mit freiem Willen geschaffen hat um ihn dann, sobald er diesen einsetzt, aus dem Paradies zu vertreiben. Drewermann entdeckt in Texten des Alten Testamentes, die er nicht historisch, sondern psychotherapeutisch interpretiert, dass Gott kein wirklich „Gerechter“ war, auch wenn er dem „Jahwe vom Sinai“ (wo Moses die 10 Gebote empfangen hat) eine höhere Gerechtigkeit zuschreibt als der römischen Justitia.

 

Zur Ehrenrettung seines Gottes zitiert Drewermann den neuen Bund des Jeremia: „Die Vorstellung von Gerechtigkeit, so denkt Jeremia, muss sich womöglich auflösen, weil sie in Wahrheit immer schon Gott unrecht getan hat ebenso wie den Menschen. Sie war zu kurz gedacht und lief hinaus auf eine reines Missverständnis.“ So wird „der vielleicht größte hebräische Prophet“ zum Vorläufer Jesu, der „vergeben, nicht strafen“ predigt. An die Stelle der Gerechtigkeit tritt dann „eine heilende Gnade“.

 

In der Bergpredigt findet Drewermann einen „Therapievorschlag zur Heilung aller seelisch bedingten Erkrankungen. Es gibt nur einen Weg, diese Art von Rechtverhalten – nicht länger 'Gerechtigkeit' mehr, weder juridisch noch moralisch – zu interpretieren: das ist, wie man den anderen versteht in seiner Not, …. Die ganz andere Form der Gerechtigkeit, die Jesus vorschlägt, wird uns aufgenötigt durch den Anblick der Not eines anderen. … Er geht hinüber zu dem Menschen, der alleine sich nicht retten kann. Auf diese Weise findest du Gott.“

 

Von der Not genötigt, von der Heilung zum Heil. „Die neue Gerechtigkeit Jesu … läuft auf die innere Einsicht hinaus: Ich bin mit Gott und mit meinem eigenen Herzen nur dann in Einklang, wenn ich dem anderen in seiner Not helfe entsprechend der Erkenntnis, dass, wo er steht, ich auch stehen könnte. Es ist eine Begründung des gesamten Daseins aus einer Güte, die wir nie verdient haben.“

 

In der absoluten Einschränkung auf „nur dann … wenn Not“ sieht Drewermann die Grundlage einer Empathie, die über jeglicher Gerechtigkeit steht. Daraus folgt: „Ein anderes Leben als aus Vergebung ist überhaupt nicht möglich.“ Dies begründet Drewermann mit der Bergpredigt, aber auch mit Schopenhauers Moral, die auf Mitleid basiert. Dass die Güte alles überstrahlt, auch die Gerechtigkeit, ist nett, aber jenseitig. Das bedeutet nichts anderes, als die Lösung unserer täglichen Probleme vom Diesseits (das idealer Weise auf einem gerechten Rechtssystem basiert) ins Jenseits zu verlegen (wo ewige Glückseligkeit keinen Raum für Konflikte zulässt und somit kein Bedarf an Gerechtigkeit mehr herrscht). Die „Güte“, die uns „Vergebung“ ermöglicht ist aus der Sicht kein aktives Deeskalieren eines Konfliktes, sondern eine Gottes-Gabe, auf die wir nur hoffen können, weil wir sie ja gar nicht verdienen – schuldbehaftet wir wir nun sind, und somit gleichzeitig notleidend und genötigt.

 

Resümee: Die Geisteshaltung Drewermanns ist aus meiner Sich typisch für die christliche Religiosität unserer Zeit, in der kaum noch theologische Verbindlichkeit herrscht, sondern fast jeder seine Privatreligion mit Ingredienzien unterschiedlicher Weltanschauungen lebt. (Am Rande bemerkt ist dies einer der Gründe, warum sich viele Jugendliche dem Islam zuwenden, der verbindliche Antworten gibt.) Darüber hinaus weckt der Anspruch „alle Ethik“ zu überwinden den Eindruck, dass Eugen Drewermann, trotz psychoanalytischer Betrachtungsweise in einem tief katholischen Menschenbild verhaftet ist. Er leitet die Schuld des Menschen negativ aus der sogenannten „Erbsünde“ ab. Ich setzte dagegen den positiven Begriff der Verantwortung des Menschen, die ich aus der ihm eigenen Freiheit ableite. Drewermann kann das Glück des Menschen nur in der Befreiung aus einer Notsituation finden. Ich finde das Glück in der Natur- (oder Gott-) gegebenen Freiheit zur Verwirklichung konstruktiver Ideen, egal in welcher Position sich ein Mensch befindet. Ganz im Sinne von 1 Kor 12, 7-11:

 

„Jedem aber wird die Offenbarung des Geistes geschenkt, damit sie anderen nützt. Dem einen wird vom Geist die Gabe geschenkt, Weisheit mitzuteilen, dem andern durch den gleichen Geist die Gabe, Erkenntnis zu vermitteln, dem dritten im gleichen Geist Glaubenskraft, einem andern - immer in dem einen Geist - die Gabe, Krankheiten zu heilen, einem andern Wunderkräfte, einem andern prophetisches Reden, einem andern die Fähigkeit, die Geister zu unterscheiden, wieder einem andern verschiedene Arten von Zungenrede, einem andern schließlich die Gabe, sie zu deuten. Das alles bewirkt ein und derselbe Geist; einem jeden teilt er seine besondere Gabe zu, wie er will.“

120 Hoffmann

Albert Hoffmann

Vernissage: 14.10.19

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