logo

bild

15. Dezember 2010 - Anfang Dezember hat stilwerk seinen ersten Designtempel in Wien eröffnet. Stilgerecht in einem Gebäude am  Donaukanal, das von Jean Nouvel errichtet wurde. Der Meister seines Faches, der nie ohne die Attribute „Star-Architekt“ und „Pritzker-Preisträger“ genannt wird, hat dem Mediatower einen Turm gegenübergestellt, der „jetzt bereits das Zeug zum neuen, modernen Wahrzeichen Wiens“ hat, wie das „stilwerk Magazin“ schreibt. Das Zeug zum Wahrzeichen wird der Bau wohl auch brauchen, denn das Zeug zu einem erfolgreichen Einkaufszentrum hat er nicht. Ganz im Gegenteil, ein Flop ist hier vorprogrammiert.

Nach dem Flop des Haas-Hauses hat sich wieder einmal ein Architekt ein Denkmal errichtet, ohne sich im geringsten darüber Gedanken zu machen, was ein Händler als stilwerk-Mieter benötigt und was sich Kunden von einem Designcenter erwarten. Die zentralen Fragen, wie bringt man Kunden ins Haus und wie leitet man Kunden durch das Haus, sind nicht erst von einem Centermanager zu beantworten, sondern bereits vom Architekten zu planen. Ein „primitives“ Leitsystem wie bei Ikea, das den Kunden „zwingt“ vom Start bis zum Ziel das komplette Outlet zu durchlaufen, wäre wohl ein Sakrileg in einem Designtempel. Und einen Eingang so zu gestalten, dass man ihn von allen Seiten sieht und dass er die Massen magisch anzieht, wäre wohl auch zu uncool.

Zwei Wochen nach Eröffnung besuche ich „die ganze Welt des Designs“ an einem Wochentag um die Mittagszeit. Ich bin einer von rund zehn Besuchern, die sich vom Erdgeschoß bis in den dritten Stock vorwagen. Ein Wagnis ist es, die engen Rolltreppen zu nutzen, denn man fährt gegen eine schwarze Wand. Nun weiß ich, wie sich die Sklaven gefühlt habe, die die Pharaonen in die Pyramiden zur letzten Ruhestätte begleiten durften. Wer wissen will, wie sich jene Sklaven fühlten, die die Pharaonen in die Pyramiden begleiten mussten, der sollte den Lift im Sofitel bis in den 18. Stock nutzten, dort wo sich ein „Gourmetrestaurant mit atemberaubenden Ausblicken über Wien“ (stilwerk Magazin) befindet.

Kurioser Weise ist der Durchgang vom stilwerk zum Sofitel geschlossen. Will das Sofitel die Prolos vom stilwerk nicht in den eigenen heiligen Hallen, oder umgekehrt? Die in schwarz gehaltene Liftkabine, zu der dich ein freundlicher Liftboy begleitet, wird von einem Deckenlicht erhellt, das auf Grablichtstärke gedimmt wurde. Wieviele Nutzer diese Stimmung als beruhigend empfinden, sei dahingestellt. Besucher im Gourmetrestaurant hören übrigens vom gut geschulten Servierpersonal „wir sind ausgebucht“ - obwohl zwischen 12 und 13 Uhr maximal ein Viertel der Plätze belegt ist. Ich trinke im Empfangsbereich des Restaurants eine Melange, genieße eine halbe Stunde den Ausblick auf den Stephansdom und muss dann etwas länger auf den Lift nach unten warten. „Wir mussten den zweiten Lift abstellen, weil er bei dem Wetter unerträgliche Pfeifgeräusche entwickelt hat“, erklärt mir eine auskunftsfreudige Restaurantmitarbeiterin.

Wieder draußen, bin ich zweimal beim Eingang zum stilwerk vorbeigelaufen. Nicht zu sehen, aber seeehr ästhetisch ins Gesamtdesign integriert! Immerhin hat sich das Restaurant im Erdgeschoß etwas gefüllt. In den oberen Etagen herrscht weiterhin absolute Besucherflaute. „Das den jeweiligen Häusern eigene Lokalkolorit betont man mit der Wahl der ansässigen Gastronomie, die von Haya Molcho betrieben wird. Zudem liefert natürlich auch die in Grau, Schwarz, Glas und Stahl gehaltene Architektur von Jean Nouvel ein spezielles Ambiente, das das Einkaufserlebnis hebt“, schreibt Michaela Knapp im Format. Wer bislang gerne in die Kapuzinergruft zum Einkaufen gegangen ist, der wird sich in diesem überdimenionalen Grabkasten sicher über ein „gehobenes“ Einkaufserlebnis freuen.
Wie auch immer, ein Traum für Architektur-Kritiker, siehe Der Standard am 17.12.10.

Zum 2-Jahres-Jubiläum des Stilwerks schreibt Der Standard am 9.12.12: "Von "Totgeburt" und "Grabkasten" war am Anfang in Blogs die Rede, Kommentatoren schreiben bis heute, dass man nicht so recht an den Erfolg des Konzeptes glauben möchte." Welcher Blog damit wohl gemeint war ;-)

WERBUNG

Besuchen Sie den Kunstraum in den Ringstrassen Galerien. Das Shopping Center neben der Oper feiert 2013 sein 20-jähriges Jubiläum, der Kunstraum ist seit 1997 von 70 auf 250 qm gewachsen.

rg-logo-500-neu

300 Leonjtew Leben