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22. Dezember 2003 - Schon haben zu Mariae Empfängnis die ersten Händler über Umsatzzuwächse gejubelt, noch bevor sie das Geld gezählt haben, das in der Kasse geblieben ist. Aber der Eindruck von selten vielen Menschen in den Geschäften schürt halt Emotionen, und da schaut mancher nicht so genau auf die nüchternen Zahlen. Nun, zwei Wochen später wissen wir aber, dass die Vorjahresumsätze nicht erreicht werden konnten, so wie auch im Vorjahr die Vorjahresumsätze nicht erreicht werden konnten, und wie überigens auch im vorvorigen Jahr die Vorjahresumsätze nicht erreicht werden konnten - aber das ist eine andere Geschichte, denn damals hatten wir ja einen Börsencrash.

Nicht wegen plus/minus ein/zwei Prozent Umsatz ist der Einzelhändler ein armes Schwein, sondern an und für sich ist im heutigen Wirtschaftsgefüge der Einzelhändler das ärmste Schwein, das man sich vorstellen kann. In 1000 und einer Nacht liest man von unvorstellbar reichen Kaufleuten, die ihre Waren zu hause all jenen verkauften, die nie die Welt gesehen haben. Heute ist es umgekehrt: Der Kaufmann sitzt in seinem finsteren, kunstlichtdurchfluteten Laden, während sich alle anderen die Welt anschauen, auf den Malediven urlauben, oder zum Schiurlaub nach Kitz abzischen. Und wenn diese Klasse gut bezahlter Angestellter dann braun gebrannt aus dem Urlaub zurück kommt, sitzt unserer Kaufmann immer noch in seinem finsteren, kunstlichtdurchfluteten Laden, allerdings ist seine Ware dann nichts mehr wert, weil in den vergangenen drei Wochen längst neue Modelle auf dem Markt sind und die Auslaufmodelle verscherbelt werden müssen, hin und wieder unter dem Einkaufspreis.

Das freut den Kunden, denn wenn der Urlaub vorbei ist, dann ist wieder eisernes Sparen angesagt.Da wird die Spargesinnung regelrecht zur Weltanschauung! Dann hört man ja auch wieder täglich in den Nachrichten von den kommenden Sparpaketen, und auch unsere Politiker haben endlich verstanden, dass man das Geld nicht sinnlos vergeuden darf, und deshalb hören wir jetzt täglich nur noch die Parole: sparen, sparen und nochmals sparen! Warum bloß hören wir nie von seiten der Politik: wir müssen unser Geld sinnvoll investieren, richtig investieren, nachhaltig investieren?

Investieren sollen halt die Kaufleute, die haben das Geld dafür! Schließlich schlagen sie ordentlich was drauf, bevor sie ihre Waren in die Auslage stellen. Im Schnitt fünf bis unverschämte zehn Prozent, bei Klamotten auch mal mehr als zehn Prozent, zumindest drei Tage lang, bis die erste Rabatt-Aktion angekündigt wird. Von dieser Marge, so hört man, sollen auch noch die Angstellten, das Lager und selbstverständlich das Geschäftslokal finanziert werden.

Wer das Leben von seiner härtesten Seite kennen lernen will, der kann hier ab sofort an meiner Tauschbörse teilnehmen. Dabei kann jeder sein eigenes Berufs-Leben gegen das eines Einzelhändlers tauschen. Voranmeldungen werden unter Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! entgegen genommen.

300 Leonjtew Leben