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Am 9. Juli 2005 veröffentlichte Redakteur Arno Maierbrugger folgenden Kommentar im WirtschaftsBlatt:

Ökoromantische Windräder

Die Diskussion um die Handymasten-Steuer hat ein interessantes Randthema berührt: Wenn Handymasten einen Wildwuchs darstellen, wie ist es dann mit den landschaftlich zweifelhaften Windrädern? Oder gar den monumentalen Strommasten, die die Gegend durchziehen? Während die Nützlichkeit von Strommasten trotz "Landschaftsverschandelung" niemand ernsthaft abstreiten wird, verhält es sich bei den Windrädern anders. Erstens sind sie nicht für jeden ein ästhetisches Erlebnis, zweitens sind sie ein Beispiel dafür, wie die an sich lobenswerte Suche nach Alternativen zur Stromgewinnung leicht in Ökoromantik ausarten kann, in eine überförderte noch dazu. Denn mit dem Ökoenergiebeitrag, den jeder Strombezieher auf seiner Rechnung vorfindet, wird eine Energiegewinnungsform durchgefüttert, die sich bei genauer Analyse weder heute noch in hundert Jahren als Substitut für herkömmliche Stromquellen eignet. Wer mit Ablasszahlungen für Windräder-Parks sein schlechtes ökologisches Gewissen zu beruhigen meint, soll es tun.  Wer aber ehrlich und offen rechnet - und das sollte man auch von den verantwortlichen Politikern erwarten können - erkennt im Windräder-Wildwuchs nicht nur eine ästhetische Attacke auf die Kulturlandschaft, sondern auch eine schamlose Geldverbrennung unter dem Deckmäntelchen ökologischer Energiegewinnung. Freilich könnte man mit Windenergie strukturschwache Regionen wie das Marchfeld oder vielleicht sogar das halbe burgenland notdürftig elektrifizieren - das sind aber nicht die hauptprobleme einer Energieversorgungsstruktur, wie sie die österreichische Wirtschaft braucht. Arno Maierbrugger Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Daraus entwickelte sich folgende E-Mail-Korrespondenz:

Sehr geehrter Herr Maierbrugger,

 

ich finde es blamabel, dass ein Journalist einer Qualitätszeitung drittklassige Beiträge wie “Ökoromantische Windräder” publiziert und dabei offenbar keinerlei redaktionsinterne Korrektive greifen. Sie haben sich damit als journalistischer Hans Dampf in allen Gassen geoutet, an dem die Energiediskussion der vergangenen fünf Jahre spurlos vorüber gegangen ist. Wenn ein ausgewiesener Vertreter der Atomlobby mit Schlagworten wie “Wildwuchs”, “Ökoromantik” oder “Überförderung” gegen die Erneuerbaren Energiequellen ins Feld zieht, dann ist dagegen nichts einzuwenden, wenn die Medien auch die Gegenseite ausgewogen darstellen. Wenn aber ein Redakteur in seiner Glosse auf  polemisch machen will, dabei aber komplett übersieht, dass seine spritzigen Argumente nur kalter Abklatsch heißer Diskussionen von vorgestern sind, dann diskreditiert er nicht nur sich selbst, sondern auch das Medium, in dessen Namen er diesen Beitrag verfasst hat. Schließlich sollte ein Kommentator wissen, dass Argumente nicht nur spritzig, sondern auch stichhaltig sein müssen, wenn er sich auf das Feld der Polemik begibt

 

Mit besten Grüßen

  Hubert Thurnhofer

 

 

Sehr geehrter Herr Mag. Thurnhofer!

 

Danke für Ihre Zuschrift.

 

Es liegt leider im Charakter der Alternativenergie-Diskussion, dass sie offensichtlich nicht ohne Emotionen und Untergriffe geführt werden kann. Sie verlassen selbst das Feld der Sachlichkeit, indem Sie kein einziges Gegenargument anführen. Damit ist niemandem geholfen.

 

Zu diesem Kommentar gab es etwa 15 Leserreaktionen, wobei zwei Drittel davon Zustimmung signalisierten. Das Gefühl, sich damit blamiert zu haben, hielt sich daher in Grenzen. Auch unser redaktionsinternes Korrektivsystem ist intakt, keine Sorge.

 

Gerne sind Sie eingeladen, den allerneuesten Stand der Windräderdiskussion im WirtschaftsBlatt darzustellen. Dafür steht unsere Meinungsseite zur Verfügung.

 

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Arno Maierbrugger

Ltd. Redakteur  WirtschaftsBlatt

 

 

Sehr geehrter Herr Maierbrugger,

 

danke für die prompte Antwort. LEIDER ist gut, denn die Untergriffe wuchern ja geradezu in Ihrem Beitrag. Lassen wir also Ihre „ökoromantischen Windräder“, „Wildwuchs“, „Ökoromantik“, „Ablasszahlung für schlechtes ökologisches Gewissen“, „schamlose Geldverbrennung“, „Deckmäntelchen ökologischer Energiegewinnung“ beiseite und schauen wir was bei „genauer Analyse“ von ihrem Beitrag übrig bleibt.

 

Zunächst die sogenannte „Attacke auf die Kulturlandschaft“, da Windräder „nicht für jeden ein ästhetisches Erlebnis“ sind. Das mag für den einen oder anderen Berggipfel mit Windrad ein Thema sein, wird aber meist nicht von den Naturfreunden und Alpinisten, sondern von den Jägern kritisiert. Und die sind ja ausgewiesene Experten der Ästhetik, die beim genussvollen Abschuss nicht gestört werden wollen von klappernden Windrädern. Auf der Parndorfer Platte, die von einer Autobahn durchschnitten wird, wo nun links und rechts davon Windräder stehen, ist diese Diskussion wohl an den Haaren herbei gezogen.

 Sachlich möchte ich aber vor allem einwenden, dass Sie ungeachtet ihrer unsachlichen Wortwahl, wonach „Alternativen zur Stromgewinnung leicht in Ökoromantik ausarten kann, in eine überförderte noch dazu“ völlig unkritisch das Argument der „Überförderung“ nachbeten. Ein Vorwurf, der ja insbesondere von der energieintensiven Industrie, zuletzt auch von Ferdinand Fuhrmann (WiBl 7. Juli) immer wieder erhoben wird. Wenn der Nettigsdorfer-Chef meint, „Ökostrom bringt den Standord Oberösterreich um“, so stellen sich einige Fragen:

 Wenn der Kostenanteil von zwei, drei oder vier Prozent an den Gesamtstromkosten einen Industriebetrieb umbringen kann, wie steht es dann um seine Liquididät?

 

Wenn ein Manager alles daran setzt, gerade hier die Kostenschraube anzusetzen, verfolgt er dann die richtige Strategie?

 

Wenn die energieintensive Industrie am meisten von der Strommarktliberalisierung profitieren konnte, hat sie dann diese Kostenvorteile nicht nachhaltig genutzt?

 

Wenn ein Manager derart zur Panikmache neigt, hat er dann den richtigen Job?

 

So schwimmen Sie mit ihren saloppen Formulierungen leider völlig unkritisch im Fahrwasser einer Lobby, ohne dass Sie das selbst (oder einer ihrer Kollegen – deshalb die Frage nach dem redaktionellen Korrektiv) gemerkt hätten. Fuhrmann ist da nur ein aktuelles Beispiel. Ihnen ist auch entgangen, dass sich Österreich verpflichtet hat, acht Prozent aus Erneuerbaren zu erzeugen, ein Ziel, für das die Lenkungsmaßnahme der Ökostromförderung geschaffen wurde, und das angesichts steigenden Stromverbrauchs noch lange nicht garantiert werden kann. Und schließlich ist das Argument der „Überförderung“ auch historisch kurzsichtig, denn es ist für den Stromkunden gut und schön, wenn er den Strom aus abgeschriebenen Großwasserkraftwerken heute billig bekommt – allerdings hat er dafür Jahrzehnte lang jeden Preis zahlen müssen, den sich Monopolbetriebe mit ihren Landesfürsten ausgeschnapst haben. Ökostrom ist daher nur in der aktuellen historischen Periode „überfördert“ oder „zu teuer“. Vielleicht graben Sie ja dazu nochmals die Information der E-Control vom 1. Juli aus. Demnach steigen die durchschnittlichen Marktpreise für Grundlaststrom im dritten Quartal um 31 (!) Prozent, daraus folgt, dass die Mehrkosten für die Ökostromförderung von kalkulierten 260 Mio. Euro um 50 Mio Euro sinken. Sie können davon ausgehen, dass diese Entwicklung noch nicht zu Ende ist.

 

Mit besten Grüßen, Hubert Thurnhofer

 

 

Sg. Herr Thurnhofer!

 

 Wollen wir die Kirche im Dorf lassen.

So überholt sind die Gegenargumente zur Windkraft nicht, und wir führen in der Redaktion auch keine Meinungszensur durch.

 

Zur Überförderung: Diese Debatte ist gerade in Deutschland wieder in vollem Gange. Das Problem dabei ist, dass sich möglicherweise bestimmte Windparks irgendwann einmal rentieren, die Ökostrom-Vorgaben und die reizvolle Förderung führen aber auch dazu, dass immer mehr Windparks ökonomisch völlig unsinnig in thermisch ungeeigneten Gegenden gebaut werden und damit die gesamte Wind-Ökobilanz wieder zunichte machen. Auch in Österreich zeigen sich solche Tendenzen.

 

 Zum "Ökostrom": Jeder neutrale Experte wird beipflichten, dass die Substitutwirkung von Windstrom im Gesamtstromverbrauch gering und zudem stark schwankend ist. Mir ist nicht bekannt, dass durch Windparks irgendwo auf der Welt ein herkömmliches Kraftwerk ersetzt oder ein Kohleabbau geschlossen wurde.

 

Daher muss man sich fragen, ob es sinnvoll ist, durch die Förderung minimaler Energiemengen Haushalte und Industrie zu belasten und gleichzeitig Windpark-Investoren durch steuerliche Freiheiten hohe Gewinne zu ermöglichen. Die Kapitalmengen, die hier im Umlauf sind, wären vermutlich für den direkten Umweltschutz besser angelegt.

 

 Die Ästhetik-Debatte fortzuführen ist müßig. Unästhetisch ist es dann, wenn Vogelschwärme von scharfen Windrädern zerhäckselt werden. Da braucht man gar keine Jäger mehr dazu.

 

Mit der Emotionalisierung der Debatte habe ich gemeint, dass ich es für eine bedenkliche Entwicklung halte, wenn man als Kritiker von Windenergie sofort als absolutistischer, kritiklos einer Lobby verfallener Nachbeter angeblich längst wiederlegter Argumente hingestellt wird. Das ist doch ein bisschen zu einfach und erinnert mich an so manche Fundi-Debatte der Grünen in den Achtziger Jahren.

 

Freundliche Grüße, Maierbrugger

 

 

Zur Aussage, dass "Vogelschwärme von scharfen Windrädern zerhäckselt werden" ist mir nichts mehr eingefallen, so dass die Korrespondenz an der Stelle abgebrochen wurde.

 

 

300 Leonjtew Leben