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Roland Düringer hat 2013 mit Clemens G. Arvay ein Interview-Buch heraus gebracht, in dem er seinen Wandel vom Benzinbruder zum Abstinenzler nachzeichnet. Man kann sich von einem Kabarettisten keine besonderen neuen philosophischen Erkenntnisse erwarten, aber es ist erfreulich zu lesen, dass auch erfolgsverwöhnte Menschen nach einer nicht alltäglichen Karriere anfangen nachzudenken und auf ihrem eigenen Weg zu altbekannten philosophischen Erkenntnissen gelangen.

 

Schnecke von Minsk 500

 

So schreiben Düringer/Arvay: „Bis zu einem gewissen Grad ist eine stetige Steigerung natürlich ein Gewinn. Ab einem gewissen Punkt kann sie hingegen sogar schädlich werden.“ (S. 40)

 

„Mein lieber Freund Hermann Knoflacher schreibt auch in seinen Büchern und sagt in seinen Vorträgen, dass sich die Geschwindigkeit in Österreich seit den Sechziger- und Siebzigerjahren in etwa vervierfacht hat … Geschwindigkeit ist der Weg dividiert durch die Zeit … Wenn also die Zeit in dieser Formel die Konstante ist, und wir die Geschwindigkeit erhöhen, was passiert in dieser Rechnung? Die Wege werden länger, aber die Zeit bleibt gleich. Die Erhöhung der Geschwindigkeit führt nur dazu, dass wir längere Strecken zurücklegen müssen, um ein Ziel zu erreichen. Wir sparen dabei keine Zeit ein, es wird lediglich mühsamer.“ (S. 54)

 

„Anscheinend sind wir alle vor irgendetwas auf der Flucht und versuchen, immer schneller zu werden, um rascher fliehen zu könen, aber in Wirklichkeit bleiben dabei immer Menschen auf der Strecke …“ (S. 58)

 

„Ab dem Moment, in dem ich handel und meinen Worten Taten folgen lasse, bin ich eine gültige Stimme. Ich glaube fest daran, dass jeder einzelne von uns eine fürchterliche Macht hat, in unserer Welt etwas zu verändern.“ (S. 61)

 

Veränderung ist neben Vernetzung ein Grundwert, den wir uns für das 21. Jahrhundert erst aneignen müssen, denn bislang haben die Menschen vor Veränderung Angst. Auch zu einer echten Vernetzung sind sie, weil sie immer noch in hierarchischen Kategorien denken, noch nicht fähig. Darüber hinaus halte ich Verantwortung, Vertrauen und nicht zuletzt Verzeihen für die wichtigsten Grundwerte unserer Zeit – die fünf goldenen V der Moral 4.0.

 

Als ich 2017 das Buch „Moral 4.0“ schrieb, habe ich lange darüber nachgedacht, ob ich Verzicht zu den Grundwerten zählen sollte. Ich bin zu dem Schluss gekommen: es ist ein wichtiger Gebrauchswert für alle jene, die schon zu viel bekommen haben. Aber wenn in einem reichen Land wie Österreich 12 Prozent seiner Bürger am Rande des Existenzminimums leben, so wäre es ein Zynismus, Verzicht als Grundwert zu predigen. Was genau der Unterschied zwischen Grundwerten und Gebrauchswerten ist, und wie man sie von Zielwerten und Messwerten unterscheidet, dafür empfehle ich die Lektüre von „Moral 4.0“.

 

Roland Düringer, Clemens G. Arvay

Leb wohl, Schlaraffenland. Die Kunst des Weglassens

edition a, 2013

 

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