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Mit Plastic Planet hat Regisseur Werner Boote viele Menschen aufgerüttelt. Die Weltmeere enthalten bereits sechs Mal mehr Plastik als Plankton. Kann die Katastrophe noch abgewendet werden? (Erschienen im Unternehmermagazin a3 ECO 9/2016 9/2016)

 

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Urlaub an der Côte d’Azur – ein Traum! Eine kleine, ruhige Bucht zehn Kilometer von Monaco entfernt, stürz ich mich in die Wellen, kraule genussvoll auf das offene Meer hinaus, wo einige Yachten ankern. Der Genuss findet ein jähes Ende mit einer Kunststoff-Windel, die mir beim Luftholen den geöffneten Mund verstopft. Vermutlich gebraucht, aber vom Meerwasser persilweiß gewaschen. Immerhin. Ich verdamme die Yachtbesitzer und schwimme zurück zum Strand.

 

In meiner infantilen Verzweiflung kaufe ich mir ein Netz, mit dem Kinder normaler Weise Krabben, Fische und allenfalls Quallen fangen, und beginne damit Abfälle, vorwiegend Plastikstücke, aus dem Wasser zu fischen und in den Abfalleimern am Strand zu entsorgen. Sisyphos zwinkerte mir zu und ist erstmals seit seinem Eintritt in den Hades glücklich über sein eigenes Schicksal. Langsam dämmert mir, dass diese ganze Scheiße nicht nur aus den Yachten stammen kann. Seither hab ich nur noch zwei Erinnerungen an meinen letzten Urlaub: Côte d’Azur und kotz dazuaa!

 

Seit „Plastic Planet“ weiß ich: eine PVC-Windel zerfällt erst nach 200 Jahren. Werner Boote zeigt in seinem Dokumentarfilm, der 2009 in die Kinos gekommen ist, wie hunderte Studenten auf der japanischen Insel „Island of Nature“ dem Plastik den Kampf ansagen. Der Regisseur im O-Ton: „In 2 Tagen füllen wir 120 Lastwagen. Aber niemand will den Müll haben. Es ist einfach zu viel für die Mülldeponie der Insel. Schließlich erklärt sich die Stadt Fukuoka bereit den Müll zu übernehmen.“ Und eine Frage bleibt im Raum stehen: „Soll ich stolz sein auf unserer Tat?  Was wir gereinigt haben ist eine kleine Bucht einer kleinen japanischen Insel. Und Japan allein hat über 6.000 Inseln.“

 

Seit Bootes Film sind hunderte Dokumentationen und Zeitungsartikel zu dem Thema erschienen. Recht widersprüchlich sind allerdings die Zahlen, die da auftauchen: von 150 bis 650 Millionen Tonnen an Plastikmüll treiben nach unterschiedlichen Angaben in den Weltmeeren. Das sei am Rande erwähnt, denn Aufklärung soll ja nicht nur den Zeigenfinger erheben, sondern auf soliden Recherchen beruhen.

 

Da auch mir die Zeit fehlt, um exakte Zahlen zu erheben, möchte ich an der Stelle nur festhalten: jede Tonne Plastik, die in die Meere gelangt, ist eine Tonne zuviel. Jedes Stück ist ein Stück zuviel. Sicher ist, dass Plastik in den Meeren immer mehr wird. Und sicher ist: solange Fische und Vögel am Plastik verrecken, das sie runter würgen, solange kann der Streit wieviele Bruttoregistertonnen Plastik sich bereits  in Strudeln zu Müllinseln ausbilden auf akademischer Ebene weiter geführt werden. Für die Politik und die Gesellschaft lautet die zentrale Frage: was tun?  Sind die Meere noch zu retten?

 

In dem Punkt scheint sogar Werner Boote resigniert zu haben. O-Ton Plastic Planet: „Die Weltmeere enthalten sechs Mal mehr Plastik als Plankton. Fische halten das korrodierte Plastik für Plankton und fressen es bis sie satt sind. Sie verenden mit vollem Magen, Plastikmagen. Die Spuren der Zivilisation haben den Ozean verseucht. Das lässt sich nie wieder gut machen. Man kann das Plastik nicht mehr heraus holen. Niemand kann das.“

 

Drei Visionen

 

Vision 1: Politik
Es braucht eine Art Kyoto-Protokoll, ein völkerrechtlich verbindliches Dokument zur Müllreduktion und zum Abbau der bestehenden Platikmüllberge zu Lande und der Plastikmüllinseln in den Ozeanen. Nun ist Kyoto angesichts der jahrelangen, meist ergebnislosen Verhandlungen nicht gerade ein leuchtendes Beispiel für vorbildliche Umweltpolitik. Aber nach 20 Jahren Klimakonferenzen ist zumindest das Bewusstsein in breiten Kreisen vorhanden, dass Abgase reduziert und besonders gefährliche Schadstoffe ganz einfach verboten werden müssen

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Bereits 2014 hat in Bremen die Konferenz „Ein anderes Meer ist möglich!“ stattgefunden, wo NGOs ein Positionspapier zur Meerespolitik verabschiedet haben. Zwar standen hier Überfischung und Rohstoffausbeutung im Mittelpunkt, doch während die EU-Kommission ihren gleichzeitig abgehaltenen Kongress  zum Europäischen Tag des Meeres unter das Motto „Innovation driving Blue Growth“ gestellt hat, rückte die zivilgesellschaftliche Konferenz die Entschleunigung des globalen Wettlaufs um die Schätze des Meeres in den Mittelpunkt. Und eine von fünf Vorderungen im Abschlussdokument lautet: Schluss mit der Vermüllung der Meere!

 

Es wäre schön, wenn Initiativen der Zivilgesellschaft diesen Prozess im Auftrag und mit finanzieller Unterstützung der UNO beschleunigen könnten. Vielleicht bekommen wir dann schneller Maßnahmenkataloge als bei den endlosen Klimakonferenzen.


Vision 2: Wirtschaft
Die Wirtschaft entdeckt den Wert der Rohstoffe, die herrenlos in den Weltmeeren treiben und schickt schwimmende Recycinganlagen los, um die Müllinseln abzubauen. Bereits vor drei Jahren sorgte der niederländische Student Boyan Slat mit seiner Idee für Schlagzeilen. Unter Ausnutzung der Meeresströmung mit riesigen Filtern unter Wasser das Plastik zu sammeln um es dann zu entsorgen. The Ocean Cleanup Foundation will das Projekt realisieren.

 

Die Wirtschaft entdeckt, dass Produkte ohne Plastikverpackung beim Kunden besser ankommen als mit Plastik und beginnt intensiv nach Alternativen zu Plastikverpackungen zu forschen. Auch kleine Initiativen helfen. So packt „Der Greißler“ Alexander Obsieger in seinem Biolebensmittelladen in guter alter Manier alle Lebensmittel in Rexgläser gegen Pfand oder in eigene Verpackungen seiner Kunden.


Vision 3: Privatpersonen

Wenn dem Beispiel von „Der Greißler“ in Supermärkten durch Verpackungsverordnungen ein Riegel vorgeschoben ist, so kann man wenigstens mit einer eigenen Einkaufstasche bei jedem Einkauf eine Plastiktasche an der Kasse einsparen. Aus Sicht von Privatpersonen hat die steirische Familie von Sandra Krautwaschl gezeigt, dass man in vielen Bereichen auf Plastik verzichten kann. Das bedeutet nicht sklavisch auf alle Vorteile der bunten Konststoffwelt zu verzichten, das heißt auch nicht, dass man nur als Selbstversorger mit eigenem Ackerbau plastikfrei leben kann. Das Experiment, bei dem auch die Kinder gerne mitspielen, beweist aber, dass man immer und überall Plastik vermeiden kann. Sogar in einer Großstadt.

 

So gut wie in ganz Österreich, sogar in der Millionenstadt Wien, haben wir den Luxus, dass wir ein Glas Wasser direkt von der Leitung trinken können. Mineralwasser in PET-flaschen war noch vor 20 Jahren undenkbar. Heute ist Mineralwasser in Glasflaschen weitgehend aus dem Handel verschwunden. Als Steirer genieße ich das Hochquellwasser, das mir die Wiener Wasserwerke frei Haus liefern.

 

Nach vielen Jahrzehnten und zahlreichen Bürgermeistern, die sich daran die Zähne ausgebissen haben, ist Wien nun auch weitgehend frei von Hundebröckerl. Das „Sackerl fürs Gackerl“ machte es möglich. Nun bedeutet das zwar wieder mehr Plastikverbrauch, anderseits zeigt es auch: wenn die Menschen nicht freiwillig das Richtige machen, muss man sie durch Strafen dazu zwingen. Deshalb sollten Menschen schon heute darauf verzichten, ihren Plastikscheiß (ebenso wie Bierdosen und Tschickstummel) wie Ochsen stante pede dort abzulagern, wo sie gerade stehen. Und wer das in der Schule nicht gelernt hat, muss es eben außerhalb der Schule lernen – durch drakonische Strafen im Falle von Fehlverhalten. Da ist aber die Politik wieder gefordert.

 

Der Artikel (mit einer Illustration von Ernst Zdrahal) ist erschienen im Unternehmermagazin A3ECO 9/2016

 

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