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Zdrahal Bargeld 250

Kann Bargeld das Vermögen der Menschen besser schützen als Geld auf dem Konto?

Ist Bargeld die letzte Zuflucht vor der totalen Kontrolle?

A3ECO-Autor Hubert Thurnhofer durchleuchtet die Hintergründe der aktuellen Panikmache.

(Ausgabe 5/2016)

   


An den Anfang dieses Artikel möchte ich eine Idee stellen, die einen Wert von 625,65 Millionen Euro hat. Lukrieren kann diese Summe der österreichische Finanzminister innerhalb einer Woche, sagen wir innerhalb von einem Monat, wenn man das parlamentarische Prozedere dazu rechnet.

 

Immer noch sind 8,6 Milliarden Schilling-Banknoten und Münzen (umgerechnet exakt 625,65 Millionen Euro) in Socken und Säcken versteckt oder vergessen. Irgendwo zwischen Neusiedlersee und Bodensee oder vielleicht in einem Rucksack unter dem Gipfelkreuz des Schafkogels. Der Finanzminister könnte diesen Betrag sofort einziehen indem er das Ablaufdatum des Schilling von unbefristet auf 1. Juli 2016 festsetzt. Ohne Aufstand von Lobbyisten oder Wutbürgern, denn wer heute noch durchschnittlich 1000 Schilling aufbewahrt hat, macht das wohl aus nostalgischen Gründen, aus Sammlerleidenschaft oder hat schlicht darauf vergessen!

 

Würden wir in einer idealen Welt leben, so würde ich diese Idee unserem Finanzminister schenken. Da wir aber in einer Zeit der post-finanzindustriellen Revolution leben (siehe a3ECO 3-4), muss ich befürchten, dass mir das Finanzamt für so eine großzügige Geste Schenkungssteuer verrechnet. Darum möchte ich an der Stelle deponieren, dass ich bei Umsetzung dieser Idee ein Beraterhonorar von einem Promille des Budget-Gewinns für angemessen halte!

 

Aber zurück zum Ernst des Lebens. Seit Wochen schüren Medien Angst! Nicht vor neuen Terroranschlägen, sondern vor drohender Enteignung durch Bargeldverbot. „Die Abschaffung des 500er Scheines ist der Beginn eines Krieges gegen das Bargeld mit dem Ziel, die Welt von Singapur bis Hawaii, von Rekawinkel bis Krähwinkel bargeldlos zu machen“, schreibt der Kriegsberichterstatter Manfred Schuhmayer, als Herausgeber der Zeitschrift „Regal“ der inoffizielle Sprecher des österreichischen Handels.

 

Auch der Buchmarkt hat das Thema entdeckt. „Achtung! Bargeldverbot! Auf dem Weg zum gläsernen Kontosklaven“ so der Publizist Michael Brückner, der den gesamten Inhalt seines Buches schon im Titel verpackt hat. Ebenso emotionalisiert schreibt  Urs Scheufele über „Bargeldverbot und Cybergeld“ und warnt: „Ökonomen und Politiker weltweit fordern eine zügige Abschaffung des Bargeldes. Es droht die totale Überwachung und die Versklavung zum Konsumtrottel.“

 

Vergleichsweise sachlich das Sachbuch „Bargeldverbot: Alles, was Sie über die kommende Bargeldabschaffung wissen müssen“ von Ulrich Horstmann. Seine relativ verhaltene Angstthese: „Selbst in Deutschland wird eine 5000 Euro-Grenze diskutiert und seitens der EU soll es bereits für 2018 konkrete Pläne für eine vollständige Bargeldabschaffung geben.“ Allein die Diskussion wird offenbar schon als derartige Bedrohung empfunden, dass Ende März, nach nur zwei Monaten, bereits 100.000 Deutsche die Initiative „Stop Bargeldverbot“ unterschrieben haben.

 

Auf der Plattform stop-bargeldverbot.de wird der ehemalige Chef-Ökonom der UBS, Andreas Höfert, zitiert: „Ein vollelektronisches Geldsystem – völlig transparent, ohne jeglichen Schutz der Privatsphäre bei Transaktionen und mit dem ständigen Risiko einer Enteignung durch den Staat – bedeutet, dass Geld kein privates Eigentum mehr sein wird. Der Weg in die Hölle ist mit guten Absichten gepflastert.“ Auf der gleichen Seite wird Fjodor Dostojewski zum Schutzheiligen des Bargeldes erkoren, mit dem Mantra: „Geld ist geprägte Freiheit.“ Ausgerechnet jener spielsüchtige Autor, der sein gesamtes Bargeld in Casinos verspielt hat, u.a. in Baden Baden.

 

Genau hier, im Casino sowie in der staatlichen Kunsthalle Baden Baden läuft derzeit die Landesausstellung „Gutes böses Geld“. Hier werden historische Aspekte des Geldes genauso thematisiert wie die emotionalen Auswüchse. Die wohl umfangreichste Kulturgeschichte des Geldes hat jedoch Christina von Braun in ihrem Buch „Der Preis des Geldes“ (erschienen 2012) vorgelegt. Sie zeichnet die Geschichte des Geldes nach und erklärt plausibel, warum es emotional, ja geradezu religiös aufgeladen ist.

 

Opferlogik des Geldes

„Das Wort 'Geld' leitet sich ab vom germanischen Wort 'gelt', Götteropfer. Es hängt zusammen mit 'gelten', das soviel wie zurückzahlen, zahlen, kosten, wert sein, vergelten, entschädigen, aber auch zerschneiden bedeutet.“ (S. 40) Laut von Braun ist im christlichen Abendland die Opferlogik des Geldes am stärksten ausgeprägt. „Das Opfermahl als Gemeinschaft konstituierender Ritus findet später im Heiligen Abendmahl der christlichen Kirche ebenso seinen Ausdruck wie in der Gilde, die ihren Namen vom Begriff des 'Geldes' ableitet und 'Opfergemeinschaft' bedeutet.“ (S. 46). So wie seinerzeit die Gilden ist auch die Finanzindustrie heute eine geschlossene, männerdominierte Gesellschaft.

 

Zwar gab es in der Geschichte des Geldes auch andere Beglaubigungsstrategien, doch „alle materiellen Deckungen des Geldes erweisen sich bei näherem Hinsehen als Illusion“. (S. 43). Vereinfacht gesagt hat im Laufe der Geschichte der Stier als Opfertier das Menschenopfer und das Geldopfer das Tieropfer abgelöst. Es ist unmöglich, die enge Verflechtung von Glaube und Geld, die von Braun mit vielen Details offenbart, hier auszuführen. Nur soviel: es steht außer Zweifel, dass jedes Geld nur solange funktioniert, wie die Menschen daran glauben. Das setzt Beglaubigungsverfahren voraus, in vielen Fällen durch Krisen. Das Geld festigt sogar seine Glaubwürdigkeit, „wenn einige daran glauben müssen.“ (S. 115)

 

Mythos Bargeld

Der Glaube an den Wert des Geldes hat sich verselbständigt und sitzt tief, obwohl die historischen Tatsachen belegen, dass Geld immer wieder abgewertet oder völlig entwertet wurde. Von Braun: „Deutschland ist das beste Beispiel: Noch Anfang des 19. Jahrhunderts gab es die einzelnen Fürstentümer und Stadtstaaten, dann folgte das Reich (mit wechselnden Grenzen und drei extrem unterschiedlichen politischen Systemen: Monarchie, Republik, Diktatur), danach zwei deutsche Staaten, später ein vereinter Staat, und nun ist Deutschland ein Teil der europäischen Gemeinschaft. Jede dieser Gemeinschaften hatte und hat ihre eigene Währung.“ (S. 442)

 

Das Horten von Bargeld war zu keiner Zeit Garant für den Erhalt des Vermögens. Umso verwunderlicher ist es, dass so viele Menschen noch heute an das Bargeld als Wertaufbewahrungsmittel glauben. Aufgrund der mythischen Tradition des Geldes ist das nur mit dem Glauben an Wunder zu erklären. Aber immerhin sieht das auch die Österreichische Nationalbank so und dementiert umgehend jegliche Absicht, Bargeld abzuschaffen, denn: „Bargeld hat viele Vorteile: Man hat immer einen guten Überblick über seine Ausgaben. Es ist ein kostengünstiges Zahlungsmittel und es ist ein Wertaufbewahrungsmittel.“

 

Die Fakten zeigen, dass nicht der geringst Grund zur Panik besteht. Der Bargeldumlauf in den Euroländern nimmt stetig zu, Ende Februar 2016 betrug dieser 1,088 Billionen Euro. Das bedeutet eine Vervierfachung im Vergleich zu 2002, dem Jahr der Euro-Einführung. Laut OeNB hat das Eurosystem durch die Ausgabe der neuen Euro-Banknotenserie ein klares Bekenntnis zur Zukunft des Bargelds abgegeben. Bargeld ist heute in Österreich mit einem Anteil von rund 65 Prozent des Zahlungsvolumens immer noch das wichtigste Zahlungsmittel.

 

Moralisches Resümee

Menschen, die seit zwanzig Jahren Handys und seit zehn Jahren Smartphones bei sich tragen und rund um die Uhr nutzen, sind mehr als naiv, wenn sie in ausgerechnet in der Abschaffung des Bargeldes den „Weg zum gläsernen Kontosklaven“ oder die Ursache der „Versklavung zum Konsumtrottel“ sehen. Mehr als naiv bedeutet: dumm. Wer mit „Krieg“ und „Hölle“ Panik schürt, leistet keinen Beitrag zur Aufklärung, sondern trägt damit zur Verdummung seiner Leser bei.

Das Ende des Bargeldes wird selbstverständlich aufgrund des digitalen Fortschritts irgendwann in den kommenden fünfzig Jahren kommen. Ohne Verbot, sondern ganz einfach so. Weil es überflüssig wird, so wie Schecks als Bargeldersatz.

Es ist egal, ob in einer Krise die Bankkonten gesperrt werden, oder ganz einfach bestimmte Banknoten aus dem Verkehr gezogen werden – beide Maßnahmen wurden dutzende Male in der Geschichte umgesetzt. Wer den kleinen Mann mit Bargeld schützen will, der vergisst, dass es  auch egal ist, ob jemand kein Geld auf dem Konto oder kein Geld in der Tasche hat. Wer für den großen Mann Bargeld zur letzten Bastion der Freiheit hochstilisiert, vergisst indessen, dass reiche Menschen noch nie durch Bargeld ihren Reichtum erhalten konnten. Kurz: es gibt keine Garantie, dass das Geld seinen Wert behält. Jedenfalls hat es immer seinen Preis. Und der besteht darin, dass „einige daran glauben müssen“ (Zitat: Christina von Braun).

 

Ergänzung 29. April 2014: In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift trend (17/2016) schüttet Professor Max Otte Benzin ins Strohfeuer der Bargeldhysterie: "Eine bargeldlose Welt würde uns unserer Freiheit berauben und uns zu schutzlosen Subjekten eines allmächtigen Systems machen. Eine Staats- und Konzernwirtschaft, der wir restlos ausgeliefert sind: In einer bargeldlosen Wirtschaft würden wir zwangsläufig zu 'Geiseln der Banken'". 

Wir sind schon längst, zumindest seit der finanzindustriellen Revolution, schutzlose Objekte des allmächtigen Finanzsystems. Wer glaubt, mehr noch wer suggeriert, dass Bargeld zur Wertaufbewahrung beitragen kann, der trägt zur Verböldung der Menschen bei. Denn wenn das bereits allmächtige Finanzsystem nach Wegen sucht, die Bürger zu enteignen, zu überwachen und letztlich zu entmündigen, dann gibt es auch mit Bargeld beliebig viele Möglichkeiten, das zu tun.

Jüngstes historisches Beispiel, das offenbar den wenigsten Experten in Erinnerung geblieben ist: Im Jahr 1991, nach den ersten Schritten der Preisfreigabe auf Lebensmittel, hat die Sowjetunion 100-Rubel-Scheine über Nacht für ungültig erklärt und umgehend eine neue Serie von 100ern gedruckt. Diese Maßnahme war ein Klacks im vergleich zu der folgenden Jahren der Inflation. Für den kleinen Mann war es völlig egal, ober er auf Säcken vollgefüllt mit Rubelbanknoten geschlafen hat oder ob er sein Geld brav auf einem Sparbuch gesammelt hat. So oder so hat er aufgrund des Systemswandels das mühsam Ersparte verloren. Gewonnen haben diejenigen, die als erstes die Spielregeln des Systemswandels kapiert haben.

Es wäre wichtiger, über Spielregeln möglicher neuer künftiger Wirtschaftssysteme nachzudenken, als sich krampfhaft an den letzten Zipfel eines Systems zu klammern, das nicht mehr für die Menschen, sondern nur noch für sich selbst da ist.

 

Ergänzung 1.5.2016:  "Wer schürt die Bargeldhysterie?" auf fischundfleisch.at

 

Ergänzung 17.12.2016: Wie schnell Bargeld wertlos werden kann, zeigt aktuell Venezuela: "Aufgrund der galoppierenden Inflation hat die venezolanische Regierung in einer Hauruckaktion die Einführung von größeren Geldscheinen angekündigt. Der 100-Bolivar-Schein, bisher der größte Schein, wird nicht mehr als Zahlungsmittel akzeptiert. Stattdessen soll es Scheine im Wert von 1.000, 2.000, 5.000, 10.000 und 20.000 geben. Die Banken haben diese allerdings noch nicht bekommen", berichtet orf.at

 

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