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Ilkay Sari 250

Das Buch Moral 4.0 beginnt mit dem interessanten Gedanken, dass es im 21. Jahrhundert keine Konstante gibt, außer der Veränderung. Der Autor deckt manche Paradoxien auf, so ist Hubert Thurnhofer von der Idee der Freiheit gefesselt. Wobei Freiheit und Fesseln einen Widerspruch in sich darstellen.

 

MORAL 4.0, ISBN 9783744890977

Rezension von Ilkay Sari  

 

 

Der Autor greift sehr viele Themen auf. Er folgt den Spuren von Herbert Giller, der das Verhältnis von Arbeitgeber und Arbeitnehmer gleich setzt mit Leibherr und Leibeigenen. Demnach gleichen die Arbeitsverhältnisse der Moderne dem System der Sklaverei, obwohl wir doch denken, dass dieses abgeschafft worden sei. Ist das ethisch vertretbar? Nicht weniger brisant ist die Thematik der zunehmenden Lohnschere und die Frage, wie diese Ungerechtigkeit vom System legitimiert wird. Thurnhofer befasst sich auch mit der Frage der Gerechtigkeit, die laut Joseph Stiglitz eine Ware ist, die sich allerdings nur die Reichen leisten können.

 

In der Gesellschaft leisten viele Menschen Arbeit, die unbezahlt, aber doch sehr wichtig ist für das reibungslose Funktionieren der Gesellschaft. Das soziale Engagement und freiwillige Arbeit tragen zum Fortschritt der Gesellschaft bei. Ebenso die Arbeit, die von Künstlern geleistet wird. Ein Großteil der Kulturschaffenden muss für die Erhaltung der Gesundheit und die Existenzsicherung hart kämpfen.

 

Demokratie und Chancengleichheit scheinen nur Begriffe zu sein, die jedoch in der Gesellschaft nicht realisiert worden sind. Leitmedien scheinen zu bestimmen, wer Chancen bekommt und zu seinem Recht kommt. Und der, der Chancen kriegt, wird zum Star, ganz unabhängig davon, ob er die besten Leistungen und qualitative Arbeiten liefert. Der Autor ist überzeugt: „Das Star-Prinzip, egal ob in Kunst, Sport oder Wirtschaft, funktioniert nur, weil die Masse offenbar Stars braucht, die sie verehren kann“ .

 

Ein anderes Thema, das einen hohen moralischen Stellenwert seit dem Ende des 2. Weltkriegs hat, ist die Vergangenheitsbewältigung. Sie ist nach wie vor wichtig, sowie die Befassung mit der Geschichte, konkret mit dem 2. Weltkrieg, doch wichtiger als die endlose Vergangenheitsbewältigung ist es, endlich mit der Zukunftsbewältigung zu beginnen. Dabei kritisiert Thurnhofer das österreichische Schulsystem, welches Schüler in keiner Weise auf die Bewältigung der Zukunft vorbereitet.

 

So wie Henri Edelbauer bezeichnet Thurnhofer das derzeitige Bildungssystem als ökonomische Dressur, die nur die Neugierde der Kinder auslöscht. Aus-Bildung als ökonomische Dressur, auch ein ernstzunehmender Gedanke, der meines Erachtens durchaus Sinn ergibt. „Bildung ist ein Ideal, für das es im real existierenden Schulsystem keinen Spielraum gibt. Doch ohne Spielraum ist es unmöglich überhaupt von Bildung zu sprechen“, schreibt Thurnhofer.

 

Als Philosoph möchte Thurnhofer das christliche Gebot, das Mutter und Vater ehrt, durch den 1. Artikel der Menschenrechtserklärung ersetzen, der wie folgt lautet, „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen.“

 

Moral 4.0. beschäftigt sich  auch mit dem Buch „Der Westen und der Rest der Welt“ von Niall Ferguson. Er befasst sich mit dem Begriff des Eurozentrismus und der Überlegenheit des Westens. Eine sachliche Diskussion über diese emotional und politisch aufgeladenen Begriffe ist aus Sicht von Thunhofer im Interesse der Zukunftsbewältigung notwendig, wenn „Überlegenheit“ nicht als biologischer, sondern als moralischer Begriff verstanden wird.

 

 

SIEHE AUCH: Aufruf zur moralischen Alphabetisierung Europas

 

 

 

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