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Kapitel 1: Die Einladung

Zu guter Letzt findet er unter seinem Poststapel noch eine Einladungskarte zur Ausstellungseröffnung mit dem mäßig originellen Titel „7 KünstlerInnen“. Der Kommissar hat zwar Verständnis – eigentlich mehr Mitleid als Verständnis – für die Kunstschaffenden, aber er ist nun wirklich die falsche Adresse für solche Veranstaltungen. Hätte man André Heller seine künstlerische Hommage an den Fußball zur Eröffnung der EM in Wien nicht gestrichen – oder war das zur WM in Berlin gewesen? – egal, jedenfalls das hätte er sich sicher angeschaut, zumindest im Fernsehen. Aber die meisten Künstler sind ja arme Schlucker, und so schauen auch ihre Werke aus. Von seiner Nichte, es muss jetzt bald ein Jahr her sein, seit sie verschollen ist, hatte er auch immer wieder freundliche Einladungen zu Happenings aller Art bekommen. Als Entschuldigung nicht zu kommen, vielmehr leider nicht kommen zu können, war seine Arbeit ein hervorragender Vorwand. Happening á la c-ART übertitelte sie alle ihre langen und breiten Konzeptpapiere und versah sie mit Untertiteln wie „Die Autobahn als Inszenierung zügelloser Freiheit“ oder „Christi Himmelfahrtskommando“ oder „Von Trinidad bis Trinität“ oder „Die Ausstellung der Einstellung“ oder „Einladung zur Ausladung“. Daran erinnert sich Kommissar Werner Ohnesorg, der einige davon in seinen unsystematisch gesammelten Unterlagen zum Fall seiner Nichte Maria Wonderland abgelegt hat. Ein Fall, der eigentlich gar kein Fall war, zumindest keiner, der in seine Zuständigkeit fiel, denn ein Leichnam wurde nie gefunden. Wahrscheinlich lebt Maria heute in einem Kibbuz in Israel, vielleicht in einem Ashram in Indien oder in einem pakistanischen Lager der Taliban, nein, das sicher nicht, für Gewalt ist sie nie zu haben gewesen, auch wenn ihre polemischen Schriften immer voll revolutionärer Rhetorik waren. Revolutionsrhetorik ja, aber Revolution mit Gewalt und Totschlag, nein, entschieden nein! So sinniert Ohnesorg über Mary, wie sie im Familienkreis gerufen wurde, während er an einem Strohhalm saugt, der in einem Kakao-Packerl steckt. Er trinkt seinen Kakao aus, wirft das leere Packerl in den Mistkübel – und die Einladungskarte hinterher.

 

Zur gleichen Zeit – die Postzustellung in österreichischen Amts- und Regierungsstuben läuft offenbar nach einem geheimen Masterplan zeitsynchron – bringt die Parlamentsmitarbeiterin ihrem Chef die Post ins Büro.

Dem Exkanzler, der als Kunstkanzler auch die Agenden der Kultur in seinem Portfolio hatte, fällt eine Einladungskarte auf den Boden, während er nach dem Poststapel greift. „Was Wichtiges dabei?“, fragt der Ex, dessen Name in die Gebärdensprache mit dem Zeichen für „Schüsserl“ übersetzt wird, obwohl er in Wirklichkeit Wilhelm Weidling heißt.

Das Übliche“, erwidert seine Assistentin beim Hinausgehen, was Willi Weidling nicht mehr registriert, weil er es längst weiß.

Seit er in die zweite Reihe abgeschoben worden ist, gelangt nichts Brisantes mehr zu ihm. Eine Laudatio da, ein Vortrag dort, aber nichts wirklich Wichtiges, sondern bestenfalls das Übliche. Und üblich ist heute sogar schon, dass Bezirksparteisekretäre anfragen, ob er als Kultursprecher der Partei in Kikerichspatschen die Ausstellung des in Kikerichspatschen vielgerühmten Künstlers Hofrat Direktor Sowieso eröffnen könne oder ob er in Patschneukirchen die Ausstellung der Gemahlin des Gemeindearztes, der ja in Patschneukirchen seit nunmehr 25 Jahren auch als Gesundheitsreferent für die Partei außerordentliche … und so weiter und so fort und ohne Ende ...

Die Schmalseite der Karte, schwarzer Hintergrund, blutrote Schrift, nestelt Willi Weidling behutsam mit seinem rechten Fuß an den Rand des dicken Webteppichs, der direkt unter seiner Schreibtischkante endet. Mit einem kurzen, gezielten Tritt auf die Kartenkante, die nur ein klein wenig über den Teppichrand hinausragt, wirbelt er das Ding in die Höhe. Ein gekonntes Ferserl!, freut sich der Exkanzler und schnappt mit seiner Rechten genau auf Höhe der Tischkante lässig nach der Karte. Vom Königshofer, sagt ihm ein kurzer Blick auf das Logo der Kunstraum. Dabei verzieht er keine Miene, obwohl er innerlich stöhnt, da ihm allein bei dem Gedanken an Königshofer das G´impfte aufgeht. Der Königshofer hat ihn noch als Kunstkanzler mit Einladungen bombardiert, aber nie eingeladen, um eine Ausstellung zu eröffnen. Später erhielt er spitze E-Mails, mal mit dem Hinweis, die vom Kunstkanzler beauftragte Kunstmarkt-Studie des Wifo sei keinen Cent wert, mal mit der Unterstellung, die Kunstpolitik der Regierung sei ignorant, mal mit dem Vorwurf, die steuerliche Absetzbarkeit von Kunst scheitere am Desinteresse des Kanzlers. Zuletzt kam es gar zu einer Klage gegen das Kunstministerium wegen eines angeblichen Verstoßes gegen das Objektivierungsgesetz bei der Besetzung der Stelle des Rektors der Akademie der Bildenden Künste. Als Klägerin trat eine gewisse Maria Wonderland auf, aber dahinter stand natürlich wieder Königshofer. Wonderland träumt vom Wunderland am Schillerplatz, und Königshofer sieht sich als Königsmacher, der mit einem Bataillon vom Juristen aufmarschiert, um seine eigenen Interessen durchzusetzen. Lächerlich! Mit dem amtlichen Objektivierungsverfahren haben wir noch immer unsere objektiven Interessen durchgesetzt, erinnert sich der Exkanzler nun als einfacher Abgeordneter an bessere Zeiten und wirft einen letzten Blick auf die Karte: „7 KünstlerInnen.“ Dem Königshofer fällt auch nichts mehr ein, konstatiert er und schmeißt die Karte, genau wie längst alle anderen Einladungskarten, in den Papierkorb.

 

Emilie Wonderland kommt spätabends aus dem Schrebergarten in ihre Wohnung. Das Postfach lässt sich fast nicht öffnen, weil die Post von zwei Wochen festgequetscht wie ein Ziegel im Fach klemmt. Seit dem Verschwinden von Mary lebt sie im Schrebergartenhäuschen, hat die Wohnung vermietet, nicht offiziell, es ist ja immerhin eine Gemeindewohnung, aber der Sohn einer Freundin studiert jetzt in Wien, und so hat sich das günstig ergeben. Da sie jetzt nicht mehr oft in die Stadt fahren muss, weil sie gesundheitsbedingt in Frühpension entlassen wurde und nicht mehr in die Stadt fahren will, weil in ihrer Wohnung immer wieder der letzte Abschied von Mary aufbricht wie die Magengeschwüre, die sie seit vielen Monaten plagen, kommt sie nur noch hin und wieder her, um nach dem Rechten zu sehen. Vorzimmer, Küche, Wohnzimmer, alles so, wie sie es vor gut zwei Wochen zurückgelassen hat. Eigentlich ein Wunder, angesichts von 30 Wohnungen, die täglich in der einst sichersten Großstadt der Welt von Einbrecherbanden ausgeräumt werden. Ein kurzer Blick ins Kinderzimmer. Kinderzimmer, tja, das wird’s wohl ewig bleiben. Mehr als zehn Sekunden hält sie den Anblick nicht aus. Ihr eigenes Schlafzimmer betritt sie nicht, das fungiert jetzt als Studentenbude, Zutritt tabu! Sie lässt sich auf das Sofa fallen und den Poststapel auf das Sofatischchen, legt die Füße hoch, setzt sich nach einer Verschnaufpause aber wieder auf und schaut mechanisch die Post durch. Werbung, Postwurfsendungen – wer braucht den ganzen Mist, gibt’s wirklich Leute, die das lesen? Emilie nimmt jede Postwurfsendung einzeln in die Hand, dreht sie um und befördert sie dann in den Papierkorb. Es könnte sich ja irgendein wichtiger Brief dazwischen geschoben haben. Irgendein wichtiger Brief? Sie denkt dabei nur an einen Brief, den Brief ihrer Tochter Mary, auf den sie seit einem Jahr wartet in der Hoffnung, Mary sei nichts zugestoßen, sie sei bloß verreist, um ein neues Projekt zu realisieren, und werde schreiben, sobald ihr Projekt finalisiert sei und sie ihre Rückkehr ankündigen könne. Denn Mary schrieb nie ohne Grund, nicht ohne konkreten Inhalt, nur um mitzuteilen: „Mir geht es gut, das Wetter ist schön, bla, bla, bla …“ Nie hätte sie gesagt, ihr würde es gutgehen, allzu sehr hatte sie zu kämpfen, auch wenn ihre Projekte gelangen und sie Finanzierungen aufstellen konnte für die Realisierung ihrer Konzepte, es blieb doch stets eine Gratwanderung, näher am Abgrund als auf festem Untergrund. Wenn sie sich meldet, wird sie mich darüber informieren, was Sache ist, wo sie ist, wann sie kommt. So ist es Emilie von Mary gewohnt. Postwurfsendungen, Spar, Billa, noch mal Spar, Baumax, Bezirkszeitung, Zielpunkt, Ikeakatalog, Bezirksjournal, Zgonz ... Emilie nimmt den ganzen Stapel, um ihn über das Tischchen in den Papierkorb zu befördern. Da rutscht eine Karte heraus, schwarzer Untergrund, blutrote Schrift: 7 KünstlerInnen. Sie legt das ganze Paket nochmals auf dem Tischchen ab und dreht die Karte um. Wie mit Adleraugen erfasst sie in den kleingedruckten Ausführungen einen einzigen Namen: Maria Wonderland. Ein Stich geht ihr durch Herz und Magen. Natürlich weiß sie, dass Marys Galerist Hugo Königshofer noch Arbeiten von ihr im Depot hat. Königshofer hat Emilie nach dem Verschwinden von Mary auch mehrfach besucht und ihr soweit wie möglich geholfen. Aber wer könnte denn einer Mutter in so einer Situation wirklich helfen? Auch Königshofer hat keine Erklärung für das plötzliche Verschwinden und keine Ahnung, wo sie sein könnte. Aber offenbar weiß er mehr, als er mir bis zuletzt verraten hat, denkt Emilie, die nicht glauben kann, was hier Rot auf Schwarz geschrieben steht: „Alle ausgestellten Künstler sind persönlich anwesend.“

 

Computer aufgedreht, zurück ins Foyer zum Kaffeeautomaten, der, die Bohnen frisch gemahlen, überraschend guten Kaffee fabriziert, vorwärts zurück zum Schreibtisch, wo das Betriebssystem endlich hochgefahren ist, Mailbox geöffnet und auf in geklickt. So, jetzt in aller Ruhe eine Tasse Kaffee Latte schlürfen, dazu einen Schokokeks, die Zeitungen überfliegen, nicht die eigene, die er schon gestern Abend zwei Stunden nach Redaktionsschluss als PDF durchgesehen hatte, sondern alle anderen, und nebenbei warten, bis 150 oder sogar 250 Mails heruntergeladen sind. Das Meiste natürlich Spam, aber als Redakteur kann man sich über unerwünschte Einladungen nicht aufregen, es könnte ja unter den 250 Mails doch eine dabei sein, in der eine wichtige Mitteilung steckt. Egal, mittlerweile hat sich Franz Weichhart eine Technik angeeignet, mit der er in Sekundenbruchteilen entscheiden kann, ob eine Mail relevant oder irrelevant ist. Delete. Delete, Delete, Delete, Delete ... Dem Tempo zum Löschen der Mails setzt nur die Mechanik der Computertastatur, insbesondere der Löschtaste, ihre natürlichen Grenzen. Sieben Mails pro Sekunde, ohne eine relevante Mail im virtuellen Papierkorb zu versenken, das hat Kollegin Kathi Stich einmal gestoppt. Plusminus 35 Sekunden für 250 Mails. So viel Zeit muss sein! Der routinierte Journalist spielt gern den Stoiker, solange es nicht wirklich heiß her geht. Irgendwo zwischen fünfzigster und siebzigster Mail bleibt Weichhart diesmal länger als eine Zehntelsekunde hängen. Subject: „Damien First exklusiv in Wien!“

Ha, denkt Weichhart, der nicht zufällig nach 15 Jahren als Freelancer die Nachfolge des legendären Fritz Freier als Kulturressortleiter der Tagespresse angetreten hatte, sondern allein deshalb, weil er der einzige war und ist, der von der neuen Musik über die Gegenwartsliteratur bis zur zeitgenössischen Kunst das komplette Spektrum der österreichischen und internationalen Kultur abdeckt wie kein Zweiter. Scherz lass nach! Jetzt sind die PR-Heinis nicht einmal mehr imstande, Namen richtig zu schreiben, denkt Weichhart, fährt aber dann doch mit dem Mauscursor auf die Betreffzeile, um mit Doppelklick die Mail zu öffnen. Klaro, das hätte er sich gleich denken können. Eine Einladung von Königshofer. Eines muss man dem überehrgeizigen Galeristen ja lassen: Er lässt keinen PR-Schmäh aus, um Aufmerksamkeit zu erregen.

Vor ein, zwei Jahren hatte er es mit Hrdlicka versucht. „Hrdlicka exklusiv im Kunstraum“ lautete sein Lockruf. Weiß doch wirklich jedes Kind, dass Hrdlicka bei Karl Gigler exklusiv unter Vertrag steht! Und tatsächlich war die Ausstellung im Kunstraum keine Präsentation von Alfred Hrdlicka, dem letzten Herkules der österreichischen Bildhauerkunst, sondern eine mittelmäßige Schau von Grafiken und Entwürfen des weithin unbekannten Architekten Heinrich R. Hrdlicka. Das einzige Bauwerk von Hrdlicka war der Wiener Südbahnhof, und der wurde mittlerweile ohne jeglichen Protest oder Widerstand der Kulturschickeria abgerissen, um dem neuen Zentralbahnhof Platz zu machen. Heinrich R. Hrdlicka ist irgendwie sogar verwandt mit dem Hrdlicka, aber dafür interessiert sich nun wirklich kein Mensch in Österreich, vielleicht die Seitenblicke, aber sicher nicht die Leser der Tagespresse.

Was führt der Königshofer nun mit Damien Hirst im Schilde? Der Leitfigur der Young British Artists, dem Gründer der KunstmesseFreeze, der zuletzt mit einer sensationellen Auktion bei Sotheby´s die Regeln des Kunstmarktes neu definierte. „Als Kurator zeigt Damien First erstmals 7 KünstlerInnen in einer noch nie dagewesenen Art und Weise, die ihre einzigartige Stellung in der Kunstgeschichte untermauert. Unter den KünstlerInnen finden sich Maria Wonderland, Alfred Castor ...“, liest Weichhart den letzten Absatz der Pressemitteilung. Also kein Tippfehler, ist der Routinier nun überzeugt, da hat sich die mäßig erfolgreiche Konzeptualistin Wonderland wieder einmal auf wunderliche Weise verwandelt, ein neues Pseudonym, netter Versuch, immerhin witzig, na ja, bemüht witzig. Und Tschüss! Delete. Delete, Delete, Delete ...

 

Sehr geehrte Frau Stich! Nach Ihren Interviews, die Sie mit mir vor knapp einem Jahr nach dem spurlosen Verschwinden von Maria Wonderland geführt haben, kann ich Ihnen nun vielleicht helfen, die Spur wieder aufzunehmen. Der Kunstraum wird bei der nächsten Vernissage 7 KünstlerInnen ausstellen, die auch alle persönlich anwesend sein werden, unter ihnen Maria Wonderland. Ich kann Ihnen nicht versprechen, dass Maria Ihnen die gewünschten Auskünfte geben wird, und weiß auch nicht, ob sie überhaupt bereit sein wird, zu sprechen, aber ich kann Ihnen garantieren, dass Maria persönlich anwesend sein wird. Jedenfalls freuen wir uns auf Ihr Kommen! Mit besten Grüßen“, liest Kathrin Stich die soeben eingelaufene E-Mail des Galeristen Hugo Königshofer. Also war ihr unerklärliches Verschwinden auch nur ein Happening, ein wohl kalkulierter PR-Schmäh, denkt die Reporterin, die immerhin den Millionenbetrüger Mike Elster an der Costa del Sol aufgespürt hatte. Damit hat sie sich in der ganzen Branche einen Namen gemacht und jetzt so ein Reinfall! Darüber wird sich das Kulturressort lustig machen, von den anderen Medien gar nicht zu reden!

Meinetwegen!, fackelt die Reporterin nicht lange und schreibt ihrem Kollegen Weichhart: „Lieber Franzi! Das Phantom des Kunstraums ist wieder da. Ich habe vor einem Jahr über das Verschwinden von M. W. recherchiert. Ohne Erfolg ;-) Wie sich jetzt rausstellt, war´s offenbar nur ein künstlerisches Häppyning, oder wie Ihr das so nennt. Jedenfalls kein Thema mehr für mein Ressort. Falls dich meine damaligen Recherchen interessieren, schick ich dir meine Aufzeichnungen als PDF. Kate.“ Und Forward. Und Tschüss!

5.2.2016 - Ab sofort ist der Kunstkrimi als Taschenbuch erhältlich. In jeder Buchhandlung und im Kunstraum der Ringsrassen Galerien um 9,99 Euro.

Titel: Das Testament des Damien First
Autor: Thurnhofer, Hubert
ISBN: 9783739222400
E-Book ISBN: 9783741231407 - E-Book Aktion: Bis Ende März 2016 um nur 4,99 Euro! Siehe amazon.de u.a.

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