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(30.11.06) Das Bonmot "Kunst kommt von Können" wird von vielen Insidern der Kunstszene als antiquiert bezeichnet. Trotzdem arbeiten nach wie vor viele Künstler in einer Tradition, die auf handwerkliches Können nicht verzichten will. Dabei verlaufen die Grenzen zwischen Kunst und Handwerk oft fließend.

Die großen Herbstmessen der Kunst- und Antiquitätenhändler sind vorbei. Möbel, Schmuck, Silber und Keramik der Wiener Werkstätte zählen hier zum Standardangebot und werden neben Gemälden und Skulpturen angeboten. In zeitgenössischen Galerien und Kunstmessen ist das Spektrum meist nicht so breit, Installationen und Neue Medien haben hier traditionelle Techniken in den Hintergrund gedrängt. Doch langsam kommen sie wieder ans Licht, und sogar auf der führenden europäischen Messe für zeitgenössische Kunst, auf der Art Cologne 2006, waren Arbeiten aus Keramik, Glas, Stein und Edelstahl zu finden.

Markant der „Bücherturm“ des Künstler-Ehepaares Kubach&Wilmsen, mit 12 Steinen aus fünf Kontinenten, oder die „Säuleninsel“ von Kubach&Kropp, die schwarzen indischen Granit zum Klingen bringen. Diese Objekte werden zwar mit schwerem Gerät bearbeitet, das auch Steinmetze einsetzen, doch die Künstler darf man deshalb nicht zu Handwerkern reduzieren. „In ihren Skulpturen wollen sie die Geschichte unserer Erde erzählen“, erläutert die Galeristin Marianne Hennemann das künstlerische Konzept und verweist auf die Pariser Nationalgalerie, wo sich zahlreiche Arbeiten der Künstlerfamilie befinden.

Die Gratwanderung zwischen Kunst und Handwerk meistert auch Franz Wieser, der sich seit vielen Jahren auf Edelstahlskulpturen spezialisiert hat. Die perfekte Verarbeitung ist bei diesem Material besonders schwierig, „wer keine handwerklichen Fähigkeiten mitbringt, kann seine Ideen in Edelstahl nur schwer verwirklichen“, meint der Künstler. Wieser gestaltet jedes Jahr die Skulptur für den Award „Kunstmediator“, der heuer im Rahmen der Art Cologne an die deutsche Kunstzeitung verliehen wurde. „Diese Skulptur ist Kunst, auch wenn das Objekt einen praktischen Zweck als Award erfüllt, denn ich hatte die volle Freiheit in der Gestaltung. Bei anderen Aufträgen muss ich dagegen oft die Idee einem praktischen Nutzen unterordnen. Die zentrale Frage ob Kunst oder Handwerk bleibt die: kann ich mein eigenes Formenvokabular einbringen oder nicht“, findet Wieser eine klare Antwort, wie sich die Kategorien Kunst und Handwerk unterscheiden. In der Galerie Haslinger läuft bis Jahresende seine Personale – Edelstahlobjekte sind dort bereits ab 300 Euro erhältlich.

Mit seiner Definition sieht sich Wieser in der Tradition der Wiener Werkstätte und der Werkstätte Hagenauer, in deren Umfeld der Bildhauer aufgewachsen ist. Hagenauer erfreut sich anhaltend großer Nachfrage. Sowohl das Dorotheum als auch das Kinsky haben Franz und Karl Hagenauer in ihren jüngsten Jugendstil-Auktionen versteigert. Aber nicht nur die Jugendstil-Arbeiten von Hagenauer sind gefragt. In der Galerie Hagenauer am Wiener Opernring findet sich wohl der größte Querschnitt, von Vasen, Schalen, Federhaltern und Aschern bis hin zu getriebenen Messingköpfen aus einem ganzen Jahrhundert - die Werkstatt war von 1888 bis 1986 in Betrieb. Glanzstück der Galerie ist ein seltener Edelstahlbuttler aus den 60er Jahren, den der Leiter der Galerie, Arch. Karl Hagenauer, um 10.000 Euro anbietet. Ein in Messing gegossener figural-ornamentaler Spiegel ging in der Galerie Hagenauer 2001 noch um 4.215 Euro über den Ladentisch. Bei einer Jugendstilauktion im Palais Kinsky im Juni 2005 lag der Schätzpreis bereits bei 5.000 bis 9.000. Tatsächlich steigerte ein Bieter auf 15.000 Euro. Die jüngste Auktion im Kinsky hatte den gleichen Spiegel bereits mit dem Schätzspreis von 7.500 – 12.000 angeboten.

 

Die Tradition der Wiener Werkstätte möchte Marie-Christin Marschalek auch in ihrer Galerie aufleben lassen. Dabei setzt sie auf den Metallbildhauer Ludwig Kyral, die Email-Künstlerin Corinna Loelgen, die Glaskünstler Ivo Lill und Renate Korinek, sowie den Keramiker Roland Summer, der seine Vasen mit Erde aller Kontinente brennt. Seine Objekte sind bereits ab 250 Euro zu haben und auch im oberen Preissegment mit 700 Euro noch für ein breites Publikum erschwinglich. In Abwandlung eines bekannten Werbeslogans sollte man den Betrachter von Summers Werken allerdings auffordern: „Sag niemals Vase dazu!“. Das gilt auch für die Glasvasen von Renate Korinek. Sie ist eine der wenigen Künstlerinnen, die ihre Glasobjekte selbst bläst und dafür häufig nach Holland reist. „Beim Glasblasen verdoppelt sich die Energie, du nimmst die Energie der Erde in Form von Quarzsand auf und verwandelst sie mit deiner Körperkraft in ein neues Objekt“, beschreibt die Künstlerin ihre Arbeit, bei der das Handwerk Voraussetzung, Kunst aber immer das Endprodukt ist.

Für die Künstlerin Korinek sind die bekannten Glasköpfe von Kiki Kogelnik „nur Designarbeiten“. Dem Publikum allerdings gefallen die Köpfe, die nach Skizzen von Kogelnik von der Galerie Berengo in Murano hergestellt werden. Und sie sind auch als Geldanlage nach wie vor zu empfehlen, meint Wolfgang Roth von der Galerie Das Kunstwerk. Roth hat einen der Köpfe vor zehn Jahren direkt bei Berengo noch um rund 2.000 Euro eingekauft. Das Dorotheum hat im Mai 2004 „Three dotted head“ um 13.420 Euro, im November 2005 „Panny round head“ um 15.860 Euro und im Mai 2006 „Censorship“ um 28.800 Euro versteigert. Von der Künstlerin autorisierte Arbeiten sind auf einem Polaroid signiert. „Wenn dieses Polaroid fehlt, könnte es sich auch um eine spätere Reproduktion handeln“, warnt Roth.

Im Trend ist laut Roth derzeit auch Glas aus den 50er und 60er Jahren, „das sich viele zu ihren Möbeln aus der Zeit auch die passende Vase oder Schale kaufen“. Murano-Schalen aus den 60er Jahren kann man 100 Euro auch auf Weihnachtsmärkten finden. „Allerdings braucht es Erfahrung, um zu sehen, ob ein Glas alt oder neu ist“, weiß Roth und empfiehlt daher den Kauf bei einem Kunsthändler, denn der haftet 30 Jahre für die Echtheit seiner Ware.

Garantiert echtes Glas vom Barock bis zur ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts findet sich bei Kovacek in der Wiener Spiegelgasse. „Kovacek ist die erste Adresse für Spitzenqualität“, gesteht Roth neidlos ein, wer die erste Geige in der Glaskunst spielt. Allerdings hat Spitzenqualität auch ihren Preis. Vasen von Lötz wurden zuletzt im Kinsky – Michael Kovacek ist an dem Auktionshaus beteiligt - auf 5.000 bis 25.000 Euro taxiert. Wer sich so wertvolle Stücke anschafft, legt Wert auf gute Dokumentation. Entsprechend aufwändig werden bei Kovacek wissenschaftliche Dokumentationen erstellt und regelmäßig in Katalogen publiziert.

(Der Artikel erschien leicht gekürzt in der Wirtschaftszeitschrift GEWINN 1/2007. Siehe auch: http://www.gewinn.com/gewinn/main.php?article=8108 )

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