logo

bild

„Über Fälscher, Betrüger und Betrogene“ schreibt die Kunsthistorikerin Susanna Partsch in ihrem Buch „Tatort Kunst“, das Im Januar 2015 in zweiter Auflage erschienen ist, erweitert um einige illustre Fälle wie die Beltracchi-Story. Die Autorin postuliert zwei Thesen und einen moralischen Impereativ.

 

These 1: Nicht jede Kopie ist eine Fälschung. In der Kunstgeschichte war es üblich, dass die Schüler ihre Meister kopiert haben. Erst wer eine Kopie in Täuschungsabsicht signiert, ist ein Fälscher (oft nicht der Kopist, sondern erst der Händler oder Hehler).
These 2: Insbesondere seit dem 20. Jahrhundert wiederholt sich ein Muster bei Fälscher-Geschichten: ein Künstler findet nicht die Anerkennung des Marktes, er nutzt in Folge sein Talent um Fälschungen von Werken herzustellen, die bekannt, aber verschollen sind. Der Fälscher befriedigt somit eine weit verbreitete Erwartungshaltung und infolge dessen werden insbesondere Experten zu (freiwilligen oder unfreiwilligen) Helfeshelfern. Aufgedeckte Fälscher werden von Medien oft zu Helden á la Robin Hood stilisiert und neigen meist dazu nachträglich ihre eigenen Biografien zu fälschen.
Moralischer Imperativ: Fälscher sind immer böse und und in Wahrheit immer schwache Epigonen ihrer Meister, in deren Fußstapfen sie illegitimer Weise treten.

 

Im Kapitel „Wie backe ich mir einen Botticelli?“ schreibt die Autorin über das Gemälde „Madonna mit dem Schleier“ von Umberto Giunti aus den 1920er Jahren, das 1932 Botticelli zugeschrieben wurde. Vorlage für Giuntis Bild war Botticellis „Thronende Madonna mit dem Kinde“, deren Porträt seitenverkehrt in die  Fälschung übernommen wurde. Das Urteil von Susanna Partsch: „Vergleichen wir heute nur die beiden Gesichter, wird ziemlich schnell deutlich, wie viel weniger Ausdruck die Giunti-Madonna besitzt.“ Ich weiß nicht, ob Kunsthistoriker zum Abschluss ihres Studiums mit einer geheimen Tabelle heim geschickt werden, mit der sie jederzeit den „Ausdruck“ von Kunstwerken messen können. Mir wurde so ein Maßstab jedenfalls noch nie angeboten, weder ein echter, noch ein gefälschter.

 

Auch bei Han van Meegeren, der sich selbst nach dem zweiten Weltkrieg als Vermeer-Fälscher geoutet hat, weil ihm unterstellt wurde, er habe mit dem Verkauf von „Christus und die Ehebrecherin“ an Hermann Göring, nationales Kulturgut veräußert, belehrt uns die Autorin mit erhobenem Zeigefinger: „Keiner hatte gemerkt, wie schlecht die Figuren teilweise ausgeführt waren“.

 

Über Wolfgang Beltracchi, der nicht nur „fehlende“ Werke der klassischen Moderne nach eigener Phantasie nachgemalt hat, sondern auch ganze Sammlungen erfunden und mit entsprechenden Provenienzen von renommierte Experten positive Gutachten erkauft hat, schreibt die Autorin: „was Beltracchi tat, war im Grunde nichts Neues und bietet auch deswegen keinen Anlass zur Bewunderung“. Mit Hinweis auf die 2013 angeklagte und verurteilte New Yorker Galerie Knoedler, die ebenfalls mit einer erfundenen Sammlungen u.a. die Provenienz eines gefälschten Jackson Pollock aufpoliert hatte, urteilt Partsch: „die Erfindung einer Sammlung und auch die Hinzuziehung von Experten, die auf Augenschein hin Urteile gefällt haben sollen (und dafür zum Teil Honorare bezogen), bestätigen, wie wenig originell Wolfgang Beltracchi und seine Helfer waren.“ Dass Fälscher mit ähnlichen Methoden auf die Mechanismen des Marktes reagieren, ist naheliegend. Die Originalität oder Nicht-Originalität einer Persönlichkeit anhand einzelner Maschen in einem eng verflochtenen Netz zu attestieren, ist keine zureichende Argumentation. Ebenso wenig ist die Legalität eines Verhaltens ein zureichender Maßstab für dessen Originalität.

TatortKunst

Resümee

Das Buch von Susanna Partsch ist ein solider kunsthistorischer Überblick über die wohl bekanntesten Fälscher der Kunstgeschichte. Mit Sicherheit hatte sie nicht die Absicht, so wie Eric Hebborn ein weiteres Handbuch für Kunstfälscher zu schreiben. Spannend wäre es aber gewesen, nicht nur nach herkömmlichen Klischees zwischen Gut und Böse zu richten, sondern zu hinterfragen, welche Machinationen der „Guten“ die „Bösen“ zu ihren Fälschungen verleiten oder bei ihren Spielchen direkt und indirekt unterstützen.

   

Susanna Partsch

Tatort Kunst: Über Fälscher, Betrüger und Betrogene
Taschenbuch: 260 Seiten
Verlag: C.H.Beck; Auflage: 2. aktualisierte und erweiterte Auflage (19. Januar 2015)
ISBN 978-3406676116

 

120 Parallelaktion