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Das Jahr 2017 hat mit hohen Kursschwankungen bei Bitcoin begonnen. Ist die Digitalwährung damit zum reinen Spekulationsobjekt verkommen? Sind diese Spekulationen im Sinne des Erfinders? Und wer eigentlich ist der mysteriöse Gründer Satoshi Nakamoto? Randbemerkungen zur Kulturgeschichte des Geldes (erschienen im Unternehmermagazin a3 ECO 1-2 / 2017)

 

ZdrahalErnst Bitcoin 500

„Digitalwährung Bitcoin steigt auf Rekordhoch“, meldetet die dpa zu Jahresbeginn über den Kursanstieg auf  1081 Euro. Eine Woche später, am 12. Januar, folgt die Meldung: „Böses Erwachen nach Rekordjagd. Einer wochenlangen, schwindelerregenden Klettertour der Digitalwährung Bitcoin ist nun eine noch rasantere Talfahrt gefolgt. Binnen einer Woche hat der Bitcoin rund ein Drittel seines Wertes verloren. Er fiel auf den tiefsten Stand seit Anfang Dezember. Furcht vor einer stärkeren Regulierung der Digitalwährung durch Chinas Führung lasse Anleger die Flucht ergreifen, hieß es aus dem Handel“, so die dpa sachlich und emotionslos, wie man das von einer Nachrichtenagentur erwarten kann.

 

BTC-Echo.de, das Onlinemedium für „Bitcoin & Blockchain Pioneers“, dementiert umgehend Gerüchte, dass China wie 2013 hinter dem Kursverfall stehe: „Im Jahr 2013 kündigte China ein Verbot von Bitcoin und setzte dieses auch mittels Handelsverbote und dem Verbot im Umgang mit Bitcoins teilweise durch. … Damals verfielen die Trader und Investoren in Panik und verkauften große Teile ihrer Bitcoin-Bestände, ohne zu wissen welche Technologie sich hinter der digitalen Währung verbirgt und wie diese weitestgehend resistent gegen politische und regulatorische Maßnahmen geschaffen wurde.“ Die Höchstmarke im November 2013 lag bei 1137 Dollar. Danach verfiel der Kurs und hielt sich ein Jahr lang auf einem Niveau von cirka 200 Dollar.

 

Es stellt sich die Frage, ob diese wilden Kursschwankungen im Sinne des Erfinders sind. In einem Whitepaper formuliert der Bitcoin-Erfinder das Grundproblem der Geldwirtschaft, das er mit dem neuartigen Zahlungsmittel lösen will: „Das Kernproblem konventioneller Währungen ist das Ausmaß an Vertrauen, das nötig ist, damit sie funktionieren. Der Zentralbank muss vertraut werden, dass sie die Währung nicht entwertet, doch die Geschichte des Fiatgeldes ist voll von Verrat an diesem Vertrauen.“ Seit starke Verschlüsselung für die Masse der Benutzer verfügbar ist, sei Vertrauen nicht länger nötig. Daten können nun so gesichert werden, dass ein Zugriff durch Dritte, egal aus welchem Grund, unmöglich ist. „Es ist Zeit, dass wir dasselbe mit Geld machen. Mit einer elektronischen Währung, die auf einem kryptografischen Beweis beruht und kein Vertrauen in Mittelsmänner benötigt, ist Geld sicher und kann mühelos transferiert werden“, so der Autor des Whitepaper.

 

2008 hat Satoshi Nakomoto, dessen Identität bis heute niemand kennt, sein Whitepaper und damit das Konzept der kryptographischen Währung ins Netz gestellt. Zu Jahresbeginn 2009 hat das Bitcoin-Netzwerk mit der Schöpfung der ersten 50 Bitcoins begonnen. Einige Tage später hat Nakomoto  die erste Version der Bitcoin-Referenz-Software Bitcoin Core veröffentlicht.

 

Von der Goldmine zum Bitcoin-Mining

Derzeit gibt es 16,1 Millionen Bitcoin, täglich kommen 1800 dazu. Das Verfahren zur Schöpfung von Bitocin hat der Erfinder origineller Weise als „Mining“ bezeichnet und erinnert damit an Zeiten, als Geld durch Gold gedeckt war. Die Grundidee – anstelle des zentral geschöpften Fiatgelds eine dezentrale Geldschöpfung, an der jeder teilnehmen kann – ist schon längst Geschichte. „Der Rechenvorgang war zu Beginn mit normalen PC möglich, dann kamen Spezialisierungen, und  Chip-Designer begannen eigene Chips zu bauen, die diesen Rechenvorgang hocheffizient beherrschen“, erklärt Johannes Grill, Präsident des Vereins Bitcoin Austria.

 

„Da die Menge der errechenbaren, neuen Bitcoins fix vorgegeben ist, steigt die Difficulty mit der global verfügbaren Rechenleistung und reduziert so die Rendite jedes einzelnen Miners. Die wesentlichen, wirtschaftlichen Faktoren sind hohe Investitionen in aktuellste Spezialhardware sowie günstige Strom- und Betriebskosten. Bitcoin-Mining ist mittlerweile eine eigene hochprofessionelle und hoch-kompetetive Industrie geworden, und sorgt so auch für extrem hohe Sicherheit im Bitcoin-System“ so Johannes Grill.

 

Es gibt keine exakten Zahlen wie viele Miner weltweit aktiv sind, doch in der Logik des Systems liegt es, dass es eher weniger als mehr werden, denn alle 10 Minuten wird nur ein Block generiert und an einen einzigen Miner vergeben. An wen? Das entscheidet das Schicksal von Nakamotos Gnaden. Ein Block beinhaltete 2011 noch 50, heute nur noch 12,5 Bitcoin. Ab Ende 2019 werden es noch 6,25 Bitcoin pro Block sein. Regelmäßig wird die Anzahl der vergebenen Bitcoin pro Block halbiert. Für die letzten fünf Prozent, also rund eine Million der mit 21 Millionen limitierten Bitcoin, wird die Blockchain ab 2030 noch etwa 100 Jahre benötigen.

 

Wer sich mit einem Hochleistungsrechner und Bitcoin-Mining eine Geldmaschine ins Wohnzimmer oder Büro stellen will, der hat den richtigen Zeitpunkt verschlafen. Johannes Grill warnt daher vor  „Investments via kostspieliger Multi-Level-Marketing Systeme à la BitClub Network. Das ist im besten Fall ein schlechtes Investment. Viel öfter entpuppen sich derartige Investmentangebote leider als Pyramidenspiel und Betrug. Das wirtschaftliche Regelsystem führt dazu, dass nur die effzientesten Betreiber etwas Geld verdienen können.“

 

Wenn man Mining mit der harten Arbeit der Grubenarbeiter in den Goldminen vergleicht, so kann kann man davon ausgehen, dass die Grube sicher vor Überfällen ist. Es ist auch wirklich sinnlos in eine Goldgrube einzubrechen und selbst zu beginnen nach Nuggets zu graben. Wer an das Geld ran will muss an einer anderen Stelle ansetzen, beispielsweise beim Goldtransport oder in den Banken, wo die Tresore  stehen.

 

Mit den Tresoren sind die Bitcoin-Börsen vergleichbar. Im August des Vorjahres konnten Hacker die Hongkonger Bitfinex um Bitcoin zum damaligen Wert von rund 65 Millionen Euro erleichtern. Laut Paolo Tasca sind die Börsen für mehr als 80 Prozent des Transaktionsvolumens im Bitcoin-Netzwerk verantwortlich. Das tägliche Handelsvolumen wird auf 100 Millionen Euro geschätzt. Börsen „sind das Rohr, durch das Liquidität kommt und geht. Sie spielen die Rolle, welche die Finanzindustrie in der allgemeinen Wirtschaft spielt. Eine Cyberattacke oder Disruption könnte eine Pleitewelle auslösen. Leider sind auch einige Börsen immer noch nicht voll gesetzeskonform“, sagt Tasca im Interview mit der NZZ.

 

Tasca ist in seiner Studie (Untersuchungszeitraum sechs Jahre bis Mai 2015) zu dem Ergebnis gekommen, dass nur 1,7 Prozent der Bitcoin-Umsätze vom Schwarzmarkt kommen um Drogen oder Auftragskiller zu bezahlen. IT-Security-Experten wissen allerdings, dass sich heute Cryptolocker immer öfter mit Bitcoin auszahlen lassen. Das sind Hacker, die mit Ransomware Daten von Computern verschlüsseln und anschließend Lösegeld fordern, damit sie den Schlüssel zur Freigabe liefern. Kein Wunder, dass dafür Bitcoin die ideale Währung ist um anonym zu bleiben.

 

Ansonsten hat Bitcoin kaum eine Funktion in der Realwirtschaft. Die wenigen Unternehmen, die Bitcoin als Zahlungsmittel anbieten, sprechen von Umsatzanteilen im Promillebereich. Wenn Bitcoin als Zahlungsmittel fast nicht, als Wertaufbewahrungsmittel nur für risikobereite Spekulanten geeignet ist, so stellt sich die Frage: wozu Bitcoin?

 

„Die wichtigste Charaktereigenschaft des Bitcoin ist es, dass er dezentralisiert ist. Keine einzige Institution kontrolliert das Bitcoion-Netzwerk. Das bedeutet, keine Zentralbank kann das Guthaben der Besitzer kontrollieren“, so BTC-echo.de. Eine ziemlich idealistische Einschätzung, denn so wie Fiatgeld nur von Insidern der Finanzindustrie geschöpft werden kann, konnten immer nur hochspezialisierte Insider der IT-Welt Bitcoin schöpfen.

 

Damit ein Normalbürger an Bitcoin kommt muss er zuerst mal über Fiatgeld verfügen um es gegen Bitcoin zu tauschen. Es ist Bitcoin somit nicht gelungen, eine Parallelwährung und damit einen parallelen Geldkreislauf zu schaffen, der echte Unabhängigkeit von der beherrschenden Finanzindustrie ermöglichen würde.

 

Moralisches Resümee

Die Betrachtung des Bitcoin im Rahmen der Kulturgeschichte des Geldes zeigt, dass sich Bitcoin nicht prinzipiell von allen bisherigen Geldsystemen unterscheidet. Wie Satoshi Nakamoto in seinem Whitepaper richtig feststellt, geht es bei Geld immer um Vertrauen. Vertrauen wurde ursprünglich durch religiöse Beglaubigungsverfahren wie Opfergaben hergestellt. Später durch die Bindung des Geldwertes an Edelmetalle wie Gold und Silber. Und zuletzt durch Staatsgarantien auf Bankeinlagen.

 

„Alle materiellen Deckungen des Geldes erweisen sich bei näherem Hinsehen als Illusion“, schreibt Christina von Braun in ihrem Buch „Der Preis des Geldes“. Am Ende wird jedes Beglaubigungsverfahren in Frage gestellt, so dass es letztlich um reines Vertrauen geht. Bitcoin wollte den Vertrauensgrundsatz aufheben und ist damit gescheitert. Denn Normalbürger, die an Bitcoin gelangen wollen, müssen den Hohepriestern der Kryptographie sowie den Bitcoin-Börsen vertrauen und können sich gleichzeitig dem bestehenden Finanzsystem nicht entziehen. Vielmehr hat das bestehende Geldsystem mit seinen Leitwährungen Dollar und Euro Bitcoin inhaliert. Eine Umkehrung dieses Prozesses halte ich für unmöglich.

 

Da die Wirkmacht des Geldes auf Vertrauen (=Glauben) basiert, ist jedes Geldsystem ein  quasireligiöses System. So steht auch bei Bitcoin am Anfang ein Gründungsmythos: das Whitepaper als heilige Schrift. Es gibt einen Schöpfer, der wie Gott unbekannt und unergründlich ist, eine Glaubenslehre, die Vertrauen durch Mathematik und Kryptographie ersetzt und eine Anhängerschaft, die an ein besseres Finanzsystem glaubt.

 

Auch Bitcoin-Apologeten werden bestätigen, dass der Gründer kein Gott ist, und nicht einmal ein  Heiliger. Wie BTC-Echo.de schreibt, „soll Satoshi Nakamoto viele der ersten Blocks im Bitcoin-Netzwerk geschürft haben: Rund 1 Millionen Bitcoins“. Zum letzten Höchstkurs waren das über eine Milliarde Euro. Und bei 1000 Euro ist mit Sicherheit noch nicht die Spitze des spekulativen Potenzials erreicht. Ganz im Gegenteil, durch die Begrenzung der Anzahl an Bitcoin ist das Kurswachstum geradezu vorprogrammiert. Und dafür musste Nakamoto nicht einmal einen komplexen Krypotocode schreiben. Das liegt ganz einfach in der Logik des Systems der Verknappung eines Produktes, das immer mehr Leute haben wollen.

 

Insofern unterscheidet sich Bitcoin durch nichts von allen finanzindustriellen Derivaten, die nur jene verstehen, die sie erfunden haben. Und an denen letztlich auch nur jene verdienen, die sie erfunden haben. Das  epochale Werk „Preis des Geldes“ von Christina von Braun untersucht die Geschichte des Geldes, von der Entstehung bis zur Gegenwart. Die Währung Bitcoin kommt darin nicht vor, nicht einmal als Fußnote. Das Buch ist 2012 erschienen und deshalb hätte sich Bitcoin in dem Kontext wenigstens eine Fußnote verdient. Aber auch nicht mehr.

 

Siehe auch:

Die finanzindustrielle Revolution

Wozu Bargeld?

 

M. Eibensteiner

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