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Namhafte Vertreter der Finanzbranche sind irritiert, wenn man nach einer Definition des Begriffes „Finanzindustrie“ fragt. Dabei handelt es sich um einen Schlüsselbegriff zum Verständnis des heutigen Finanzsystems, meint a3ECO-Autor Hubert Thurnhofer. (Erschienen in a3ECO Ausgabe 3-4/2016)

 

Neuerscheinung: MORAL 4.0

ISBN 9783744890977

 

Dirk Müller ist nicht nur Fondsmanager, sondern auch Wanderprediger der Finanzindustrie. In der Talksendung von Markus Lanz (16.2.2016) kritisiert er das Tempo, mit dem Medien von einem Krisenherd zum nächsten wechseln: Griechenland, VW-Skandal, Ölpreis, Syrien und zuletzt Deutsche Bank (DB). O-Ton Müller: „Die Tatsache, dass eine Bank sich bemüßigt fühlt von oben herab zu sagen 'wir haben keine Probleme', ist ein richtiges Alarmzeichen. Und das trifft nicht nur die Deutsche Bank.“

 

Schlagzeilen machte die DB nicht nur mit einem Kurssturz zu Jahresbeginn sondern auch mit der Adhoc-Meldung vom 20. Januar. Demnach erzielte die DB 2015  Erträge in Höhe von 33,5 Mrd. und einen Verlust von 6,7 Mrd. Euro. „Das Gesamtjahresergebnis beinhaltet … Wertminderungen von 5,8 Mrd Euro... außerdem für das Gesamtjahr 2015 Rückstellungen für Rechtsstreitigkeiten von rund 5,2 Mrd Euro und Belastungen für Restrukturierungen und Abfindungen von rund 1,0 Mrd Euro.“

 

Wenn ich davon ausgehe, dass 5,2 Milliarden „zu erwartende Belastungen für Rechtsstreitigkeiten ..., von denen ein Großteil voraussichtlich steuerlich nicht abzugsfähig sein wird“ nicht nur in die Anwaltskosten fließen sollen, und wenn ich das Aktienrecht richtig verstehe, wonach Vorsorge zu treffen ist, wenn Risiken mit hoher Wahrscheinlichkeit eintreten werden, dann sind diese Rückstellungen ein Zugeständnis des DB-Vorstandes. Wenn nicht sogar ein Geständnis, dass die Bank jahrelang kriminell tätig war.

 

Laut Dirk Müller steht die DB nicht alleine da: „Sämtliche europäischen Banken sind in einer höchst problematischen Situation. Wir sind in einer Situation, die weit gefährlicher ist als das, was wir 2007/2008 gesehen haben.“ Den nächsten großen Krisenherd sieht Müller in China: „Im Sommer 2014 haben Chinas Devisenreserven noch vier Billionen Dollar ausgemacht. Inzwischen sind es nur noch 3,2 Billionen.“ Chinas Abschmelzen seiner exorbitant hohen Währungsreserven als nahende Zahlungsunfähigkeit des Landes zu interpretieren, ist allerdings genau die Panikmache, die Müller an den Medien kritisiert. Zum Vergleich: im Herbst 2015 hatte der „Exportweltmeister“ Deutschland gerade mal 181,4 Mrd, Frankreich 141 Mrd und USA 121 Mrd Dollar an Währungsreserven.

 

Ein Fondsmanager lebt von Spekulationen und davon, für die eigenen Fonds die richtigen Schlüsse zu ziehen. So sieht Müller viele Systemschwächen, aber das System der Finanzindustrie stellt er nicht in Frage. Auch Peter Böhler, Vorstand des Bankhauses Schelhammer & Schattera, definiert „Finanzindustrie“ konventionell und setzt ihn mit „Finanzbranche“ gleich: „Die Summe der Anbieter von Bank- und Versicherungsdienstleistungen von Aktiv- und Passivprodukten.“ Böhlers Definition ist charakteristisch für die Position der Systeminsider, die keinen Systemwandel, geschweige denn die stille Revolution, die bereits stattgefunden hat, sehen.

 

War die Finanzbranche noch bis Ende des vorigen Jahrhunderts ein Dienstleistungssektor, so hat die finanzindustrielle Produktion von Derivaten, Futures, Optionen, Swaps uvm den Dienstleistungsbereich (Kontoführung, Kreditvermittlung) weitgehend in den Hintergrund gedrängt. Seit Mitte der 1990er Jahre wurden Hedge-Fonds immer beliebter. Symptomatisch für den Durchbruch der Finanzindustrie. Es geht bei Hedge-Fonds nicht mehr um die Frage einer sicheren Veranlagung in Werte der Realwirtschaft (Aktien, Immobilien), sondern um die Frage der systematischen Vermehrung von Geld mit Mitteln der Finanzindustrie. Das weltweite Hedge-Fonds-Volumen ist von 117 Milliarden (1997) auf heute 2.715 Milliarden Dollar angewachsen. Nach einem Einbruch 2007/2008 von 2,1 auf 1,4 Billionen, haben die Staatsfinanzkrisen das Geschäftsmodell der Hedge-Fonds wieder ordentlich angekurbelt. Von 2012 bis 2014 ist das Volumen von 1,8 auf 2,5 Billionen Dollar gestiegen.

 

„Das Volumen der globalen Finanztransaktionen ist 73,5 Mal höher als das Welt-BIP“, schrieb Stephan Schulmeister 2009 in einem Wifo-Arbeitspapier und weist darauf hin, dass 1990 dieses Verhältnis noch bei 15,3 lag. Es ist schwer aktuellere Zahlen zu finden, doch schon die vorsichtige lineare Fortschreibung der Wachstumskurve lässt die Annahme zu, dass das Volumen der Finanztransaktionen heute 150 Mal höher liegt als das Welt-BIP.


Das vor einem Jahr in Kraft getretene EZB-Programm (60 Milliarden monatlich für den Kauf von Staatsanleihen) ist in diesem gigantischen Finanzkarussell kein großes Ding, sondern bestenfalls dazu geeignet, den großen internationalen Playern zu sagen, dass Europa weiter im Spiel bleiben will. Allein die Top 5 Hedge-Fonds haben ein Spielkapital von 350 Mrd Dollar. Übrigens sind Staatsanleihen Griechenlands vom EZB-Programm explizit ausgenommen. Die größten Profiteure sind – nicht unerwartet – Deutschland mit 127,9 Mrd, gefolgt von Frankreich mit 101,7 Mrd und Italien mit 87,7 Mrd Euro Ankäufen aus dem Public Sector Purchase Programme (PSPP), wie es  EZB-intern genannt wird . Österreich liegt bei den kleineren EU-Staaten mit 13,9 Mrd Euro hinter den Niederlanden (28,4 Mrd Euro), Belgien (17,6 Mrd Euro) aber noch vor Portugal (12,4 Mrd Euro). (Stand 31.1.2016)

 

Wanderprediger Dirk Müller im „trend“ (19. 2.2016 ): „Der Anleihenmarkt hat derzeit ein Volumen von 100 Billonen Dollar, der gesamte Dow Jones nur drei Billionen. Dadurch explodieren die Vermögenspreise, wie der Geysir nach dem Platzen der Blase. Am Ende steht die Hyperinflation.“ Die düsteren Prophezeiungen implizieren die Aufforderung: investiert in meine Fonds, da ist euer Geld noch sicher! (Aufmacher der trend-Story: „Keine Panik! So behalten Sie Ihr Geld“.)

 

Die von den Medien prophezeite Inflation ist nicht eingetreten, aber auch der von EZB-Chef Mario Draghi angekündigte Investionsschub ist ausgeblieben. Warum eigentlich führt die Explosion des Finanzvolumens bis heute nicht zu einer Hyperinflation? Weil die Finanzindustrie ein geschlossener Kreislauf ist. Man könnte sagen, Draghi hat die PSPP-Milliarden durch die Allmacht seiner Position „erschaffen“. Auf diese Art und Weise fließen der Finanzindustrie täglich Milliarden zu, aber nur ein Bruchteil davon fließt wieder ab in die Realwirtschaft. Deshalb gibt es keine Inflation, und solange Regierungen und ihre Wähler die Parallelwelt der Finanzindustrie, der Irrealwirtschaft, akzeptieren, wird es auch keine Inflation geben.


Ich hab zwar nicht das Expertenwissen von Dirk Müller, aber die Hyperinflation nach dem Ende der Sowjetunion live in Moskau miterlebt. Aufgrund dieser Erfahrung und der gängigen Inflations-Theorien habe ich 2007 angenommen, dass Obama zu Ende seiner ersten Legislaturperiode mit einer starken Inflation konfrontiert sein werde. Dieses Szenario ist bekanntlich nicht eingetreten. Mittlerweile bin ich zu dem Schluss gekommen, dass nach 2007 eine neue industrielle Revolution stattgefunden hat, nämlich die finanzindustrielle Revolution. Das heißt: die Interessen der Finanzindustrie diktieren seither das Verhalten der Politiker und damit der Gesellschaft. Das ist keine Verschwörungstheorie, sondern ein Sachverhalt, wie die Abhängigkeit der Menschen von der Gesundheitsindustrie, von der Agrarindustrie, von der Autoindustrie oder von der Telekommunikationsindustrie. Nur mit einem Unterschied: die Finanzindustrie steht heute über allem.

 

Die Finanzindustrie ist keine evolutionäre Weiterentwicklung der Finanzbranche, die Dienstleister der Gesellschaft war, sondern ein Systemwechsel. Die Revolution hat mit dem völlig unkontrollierten Wachstum der Hedgefonds begonnen. Die aktuelle Schieflage vieler Banken erhöht den Druck auf die Politik, nicht umgekehrt. Die anhaltende Erpressung der demokratisch gewählten Instanzen, die „alternativlos“ ihre Politik der Rettung der Finanzindustrie unterordnen, ist der Sieg der finanzindustriellen Revolution.

 

Dafür sprechen folgende Indizien:

Indiz 1: Seit 2007 haben sich wohl tausende Politiker aller Coleurs zu dem Credo „wir müssen die Finanzmärkte beruhigen“ bekannt. Nur wenige haben gesagt, „wir müssen die Finanzindustrie kontrollieren.“ Das einzige, was den Politikern bislang eingefallen ist, die Finanztransaktionssteuer, wird wohl auch in den nächsten zehn Jahren nicht kommen.

Indiz 2: Die Nullzins-Politik kurbelt nicht den Konsum an, sondern treibt den Finanzindustriealisierungs-Prozess weiter voran, weil damit altmodische Dienstleistungen  wie Kontoführung und Kreditvergabe nichts mehr einbringen. Das Spekulations-Karussell dreht sich deshalb schneller als je zuvor. Vertreter der Realwirtschaft, die vergeblich gegen die Kreditklemme ankämpfen und vermehrt ein Spekulationsverbot fordern, sind chancenlos gegen die Lobbyisten der Finanzindustrie. Und bis heute behaupten namhafte Politiker, die Produkte der Finanzindustrie seien nicht kontrollierbar.

Indiz 3: Geldmengenwachstum und Volumen der Finanztransaktionen sind völlig entkoppelt von der Realwirtschaft. Kredit bekommt nur, wer keinen Kredit braucht. Die Bibel der Kreditwürdigkeit heißt BASEL III, wer in dieses System nicht passt, bleibt draußen vor der Tür.

Indiz 4: Das Finanzkapital kreist nur um sich selbst, um aus Geld Geld zu machen. Abgeschöpft wird nur an der Spitze, in Form von Spitzen-Gagen für Spitzen-Manager. Spitzenmanager der EZB und Zentralbanken lassen sich dafür feiern, dass sie mit dieser „Leistung“ Inflation verhindern. Die Profiteure des Systems werden immer weniger, sogar die Anzahl der Mitarbeiter schrumpft enorm.

Indiz 5: Die Gewinnmaximierung ist zur einzigen Aufgabe aller Player und aller Produkte der Finanzindustrie geworden. Die Finanzindustrie ist nur noch dazu da sich selbst zu erhalten. Die Finanzindustrie ist eine geschlossene Gesellschaft.

 

Sogar der linke Ökonom Ulrich Busch, der in Standpunkte 3/2012 der Rosa-Luxemburg-Stiftung eine umfangreiche kritische Analyse der Finanzindustrie vorgenommen hat, meint: „Die Finanzindustrie ist in der Tat eine Industrie.“ Kommt jedoch systemkonform zu dem Schluss: „Eine Insolvenz derartiger Institute könnte Kettenreaktionen und Dominoeffekte auslösen und stellt deshalb für eine Volkswirtschaft ein unkalkulierbares Risiko dar.“ Busch geht sogar so weit, dass er seiner Parteigenossin Sahra Wagenknecht, die für die Abschaffung von Zockerinstrumenten und die Rückbesinnung auf die ursprünglichen Aufgaben des Finanzsystems plädiert, die Neigung zu „romantischen Utopien“ unterstellt.

 

Stehen Alternativbanken damit auf verlorenem Posten? Derzeit akquiriert die Genossenschaft Bank für Gemeinwohl Kapital für die Gründung einer Bank nach Kriterien der Gemeinwohlwirtschaft, die sich weitgehend mit den Statuten der vor etwa 200 Jahren gegründeten Sparkassen und Raiffeisenkassen decken. Rund 3.000 Genossenschafter haben bereits 2,1 Millionen Euro eingezahlt, sechs Millionen sind für den Lizenzierungsprozess notwendig, 15 Millionen Stammkapital sollen es bis zum Start sein. 2017 sollen die ersten Kunden ein Konto eröffnen können. „Wir sind Vermittler von Menschen die Geld haben für jenen die es brauchen“, sagt Christine Tschütscher, designierte Vorständin. Und: „Wir werden ausschließlich in Realwirtschaft investieren, wir werden nicht zocken.“ Gewinne will die Bank u.a. durch freiwilligen Zinsverzicht ihrer Kunden erzielen. Und Gewinne natürlich sozial verwenden. „Die Aufgabe der Bank ist eine Vermittlung, das hat eine andere Aussagekraft als zu sagen, wir sind eine Industrie“, erklärt Tschütscher.

Christine Tschuescher 250
   

Aus Sicht von Ulrich Busch mag das naiv klingen. Aber es ist auch naiv, dass Biobauern versuchen sich gegen die Agrarindustrie zu behaupten. Und es ist mehr als naiv, wie Busch die Aufgaben der Finanzindustrie definiert, die er taxativ aufzählt:  Kreditvergabe, Verwaltung von Ersparnissen, Zahlungsverkehr und Wertpapieremission. Dabei übersieht er, dass die Finanzindustrie die  Gesellschaft längst in Geiselhaft genommen hat, und dass ein Großteil des heutigen finanzindustriellen Geschäftes aus spekulativen Finanzprodukten besteht.

 

Ergänzung 11.3.2016: Die EZB setzt den Leitzins auf 0,0 Prozent. DiePresse.com schreibt: "Die Fehlallokation hängt auch sehr stark mit einer regulatorischen Fehlkonstruktion zusammen: Die Banken werden mit Geld zwar überschwemmt, gleichzeitig werden sie nach der Krise (richtigerweise) aber auch genötigt, Kapital aufzubauen.

Und hier zeigt sich die Bruchstelle: Kredite an die Privatwirtschaft müssen mit Eigenkapital unterlegt werden, was die Kapitalquoten der Institute verringert. Kredite an Staaten sind dagegen nicht unterlegungspflichtig. Sie sind ja – siehe Griechenland – sicher. Die Folge: Für Banken ist es wesentlich lukrativer, mit dem EZB-Geld Staatsanleihen zu zeichnen (die ihnen die EZB dann wieder abkauft), als Kredite zu vergeben. Die EZB-Politik treibt also die Staatsverschuldung an und hält notwendiges Investitionskapital von der Wirtschaft fern. Tatsächlich haben die europäischen Banken seit 2009 ihr Firmengeschäft deutlich zurückgefahren, die Staatsfinanzierung aber stark ausgeweitet. Die Milliardenspritzen der EZB bleiben dadurch weitgehend im Dreieck Notenbank, Geschäftsbanken und Staat hängen. Dazu kommt, dass die Nullzinspolitik die Erträge der Banken schmälert – wodurch sie bei Krediten noch vorsichtiger sein müssen."

 

Nachsatz: Wolfgang Hetzer schreibt über "Drogendealer EZB" in trend 12 / 25.3.2016: "Das deutsche Bundesverfassungsgericht ist überzeugt, dass das EZB-Anleihenkaufprogramm (OMT-Beschluss) vom September 2012 den ihr vorgegebenen Rahmen sprengt, u.a. deshalb, weil sie damit Wirtschaftspolitik betreibt, für die sie jedoch nicht demokratisch legitimiert ist." Und Karl Sevelda, CEO der RBI, sagt in der gleichen Ausgabe: "Das Problem ist nur, dass im obersten Stock der EZB der Markt mit Liquidität überflutet wird und Herr Draghi die Banken auffordert, noch mehr Kredite zu geben und Geld noch billiger zu machen. Hingegen bremst im Stockwerk darunter die Bankenaufsicht die Kreditvergabe wieder, indem sie permanent die Anforderungen punkto Eigenkapitalunterlegung erhöht."

 

Nachsatz 12.8.2016: Wir brauchen "vielleicht" bald keine Banker mehr, meint einer der es wissen muss: Andreas Treichl, CEO der Erste Group. Siehe Kommentare auf fischundfleisch.at

Nachsatz 18.11.2016: Draghi-Komisch

„Die Erholung im Euro-Raum hängt immer noch in einem beträchtlichen Ausmaß von einer konjunkturstützenden Geldpolitik ab“, sagte Draghi heute auf einer Bankenkonferenz in Frankfurt. Man muss wohl davon ausgehen, dass dieser Mann tatsächlich glaubt, was er sagt. orf.at berichtet: "Das auf 1,74 Billionen Euro angelegte Programm soll noch bis mindestens Ende März 2017 laufen. Die EZB hält zudem ihre Zinsen ultraniedrig, um für günstige Finanzierungsbedingungen zu sorgen. Banken müssen mittlerweile Strafzinsen zahlen, wenn sie überschüssige Gelder bei der EZB parken. Deshalb klagen viele Institute, dass sie in ihrem angestammten Zinsgeschäft kaum noch oder gar keine Gewinne erzielen."

Nachsatz: Am 8.12.2016 berichtet DER STANDARD: EZB verlängert umstrittene Anleihenkäufe bis Dezember 2017

 

Ergänzung am 30.10.2017, HEISE schreibt: "EZB - die Insolvenzverschleppung und der Wahnsinn gehen weiter"

 

120 Derka

Heinz Derka

Retrospektive

16.-30.4.2018