logo

bild

 

Nach Internet 4.0 und Industrie 4.0 ist die Zeit reif für Moral 4.0. Seit drei Jahren schreibt Hubert Thurnhofer für a3 ECO Beiträge zur Wirtschaftsethik. Nun hat er das Thema vertieft und erweitert. Der Absolvent der philosophischen Fakultät der UNI Wien reagiert damit auf die Orientierungslosigkeit unserer Zeit. A3 ECO (Ausgabe 10/2017) bringt Auszüge aus dem Buch, das Mitte Oktober 2017 erschienen ist.

 

BOB Hubert lesend 500

 

Aufgrund der wachsenden Orientierungslosigkeit in den vergangenen Jahren ist es notwendig geworden, die zentralen Begriffe von Moral und Ethik neu zu diskutieren und zu „deklinieren“. Nicht aus Sicht von moralischen Postulaten der Vergangenheit, sondern aus Sicht des 21. Jahrhunderts. Ich betrachte mich in diesem Sinne als Zeitgeist und Querdenker, weniger als Philosoph der alten Schule. Denn Begriffe von gestern werden nicht dadurch wieder belebt, indem man apodiktisch ihre (ewige) Gültigkeit einfordert, sondern – wenn überhaupt - indem man versucht ihre Wertigkeit mit den Maßstäben von heute zu messen.

 

Von der „Nikomachischen Ethik“ über die „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“ und „Jenseits von Gut und Böse“ bis zum „Prinzip Verantwortung“ habe ich die meisten Bücher gelesen, die wichtig für das Verständnis von Moral und Ethik sind. Doch weder bei Aristoteles, noch bei Immanuel Kant, Friedrich Nietzsche und Hans Jonas, um bei den genannten Klassikern der Moral-Philosophie zu bleiben, finden sich zureichende Antworten auf die Orientierungslosigkeit unserer Zeit und für die Zukunft Europas.

 

Es fällt uns leicht mit den rasanten technischen Neuerungen zu leben, weil wir uns schnell die Vorteile dieser Veränderungen aneignen. Dass sich aber auch die gesellschaftlichen Verhältnisse in unglaublich kurzen Zyklen ändern, wollen wir nicht wahr haben, weil Veränderung in dem Bereich meist als Bedrohung empfunden werden. Egal ob es sich um eine organisatorische Veränderung am Arbeitsplatz handelt oder um Veränderungen der politischen Parteien, der Verfassung einzelner Länder oder sogar des gesamten politischen Systems. Das Tempo dieser Veränderung wird weiter zunehmen, das müssen wir endlich zur Kenntnis nehmen. Daraus folgt die erste Erkenntnis der Moral 4.0: Die einzige Konstante des 21. Jahrhunderts ist die Veränderung!

 

Medien und Zeitgeist

Im Wandel der Zeit, insbesondere durch das Internet, haben die klassischen Medien ihre tragende Funktion als „Vierte Säule“ der Demokratie verloren. Der Begriff Lügenpresse, Neudeutsch: Fake News, unterstellt sogar, dass Medien im Schlepptau politischer Interessen gezielt Falschmeldungen lancieren. Der vielbeschworene kritische Journalismus, der im Schnell-schnell der täglichen Ereignisse nichts versäumen will, wurde längst zum willfährigen Gehilfen professioneller Propaganda-Abteilungen. Niemand geringerer als Peter Scholl-Latour, der sein Leben lang von und über die Krisenschauplätze dieser Welt berichtet hat, bestätigt diese Position: „Es gehört zum Wesen der westlichen Medien, dass sie – meist mit unverzeihlicher Verspätung, dann aber mit maßlosem Engagement und betrüblicher Ignoranz – die großen Themen und Krisen der Gegenwart aufgreifen, aufbauschen, mit pamphletärem Eifer anprangern und – sobald ein neues sensationelles Thema auftaucht, aus dem Gesichtsfeld verlieren.“ Scholl-Latour weiß aus Erfahrung, dass nicht nur die Art, wie in den Massenmedien berichtet wird, sondern auch das, was berichtet wird, stark von Lobbyisten und Geheimdiensten beeinflusst wird.

 

Natürlich kommt nicht jede Nachricht aus den Propaganda-Abteilungen. Der Großteil der produzierten Berichte folgt drei einfachen, genau genommen sehr primitiven journalistischen Grundregeln, die auch im Internetzeitalter noch gelten: 1. Aktualität, 2. Sensation, 3. Prominenz. Der Besitzer eines Wiener Einkaufszentrums spielt seit Jahrzehnten auf dieser Klaviatur und es funktioniert wie geschmiert. Dabei kann man davon ausgehen, dass der Ex-Baumeister kein Medium schmiert. Die an Genialität grenzende Senilität des nervenaufreibenden Selbstdarstellers und die an Senilität grenzende Systemlogik der Medien verstärken einander. Das ist die Dialektik der österreichischen Variante der Lügenpresse: die Lugnerpresse. Sensation und Prominenz brauchen keinen Inhalt, brauchen keine Aufforderung an die Chefredakteure und untergeordneten Redakteure zu berichten. Sensation und Prominenz sind die zuverlässigsten Faktoren, dass ein Thema zum Selbstläufer wird. So einfach funktioniert die Lugnerpresse. Und die Lügenpresse ebenso.

 

Leitkultur

Wie Politik und Medien einander die Bälle zuspielen zeigt die Debatte um die Leitkultur, die Deutschlands Innenminister Thomas de Maizière zu Jahresbeginn losgetreten hat. Zunächst ist erwähnenswert, dass der Innenminister am 30. 4. 2017 die „Bild am Sonntag“ zu seinem Sprachrohr gewählt hat, und diese als „Quelle“ seines Beitrags auf der offiziellen Seite des Innenministeriums bmi.bund.de genannt wird. Wohl ein Hinweis darauf, was hochrangige Politiker unter Leitmedien verstehen.

 

In logischer Konsequenz haben sich Leitmedien von FAZ bis Spiegel, an denen der Innenminister den Ball vorbei gespielt hat, auf de Maizière eingeschossen, ohne wirklich die Inhalte seines Papiers zu analysieren. Der Empörung über den Bundesinnenminister folgt die Empörung von CDU/CSU-Politikern über die Aufregung der Medien, darauf folgt die mediale Empörung über die Empörung der Politiker. „Der Spiegel“ entlarvt die Aufregung als Wahlkampf-Manöver der CDU und stellt die Leitkulturdebatte von de Maizière grundsätzlich in Frage. Wäre es nicht besser gewesen, „ungeschriebene Regeln“ auch ungeschrieben zu belassen, „weil jeder etwas anderes darunter verstehen mag? Weil man nur Gefahr läuft, mit einem solchen Katalog jene Überlegenheitsattitüde zu vermitteln, die in der Leitkulturdebatte immer mitzuschwingen droht?“ Vorsichtig als Frage formuliert, schaltet der Kommentator mit dem Begriff „Überlegenheitsattitüde“ jedoch von moralischer Empörung auf moralische Entrüstung. Und Entrüstung bedeutet in der Rhetorik nicht Abrüstung, sondern Aufrüstung.

 

Ich bin der Meinung, dass die Ghostwriter von Thomas de Maizière einen durchaus beachtenswerten Beitrag abgeliefert haben und dass wir die Fragen, die das Papier aufwirft, ernsthaft diskutieren sollten: Wer sind wir? Und wer wollen wir sein? Im Anschluss an ein ausführliches Grundsatz-Statement, bei dem viele Moral-Begriffe in den Raum gestellt werden, folgen „einige Thesen“ - es ist wohl kein Zufall, dass es zehn sind – die ich hier stichwortartig zusammenfasse, um jene Werte hervor zu heben, die de Maizière und seine Ghostwriter für geboten halten:

1. Offenheit (insbesondere Vermummungsverbot): „Wir sind nicht Burka.“

2. Erziehung und Bildung: „Allgemeinbildung hat einen Wert für sich.“

3. Leistung: „Der Leistungsgedanke hat unser Land stark gemacht.“

4. Vergangenheitsbewältigung: „Wir sind Erben unserer deutschen Geschichte.“

5. Kultur: „Wir sind Kulturnation.“

6. Religionsfreiheit: „Vorrang des Rechts über alle religiösen Regeln.“

7. Kompromissbereitschaft: „Für uns sind Respekt und Toleranz wichtig.“

8. Patriotismus: „Ein aufgeklärter Patriot liebt sein Land und hasst nicht andere.“

9. Europa: „Wir sind Teil des Westens.“

10. Regionalität: „Die Verbundenheit mit Orten, Gerüchen und Traditionen.“

 

Darauf folgt eine rhetorische Frage: „Was folgt nun aus dieser Aufzählung?“ Und die Antwort lässt erahnen, dass die Autoren mit klaren Absichten und gleichzeitig mit trüben Aussichten auf Erfolg ans Werk gegangen sind: „Ist das ein Bildungskanon, den alle wissen (sic!) und lernen müssen, z.B. in den 100 Stunden der Orientierung in unserem Integrationskurs? Schön wär‘s.“ Mit mahnenden Worten bringen sie ihr Werk zum Abschluss, indem sie auf ein weiteres Leitprinzip verweisen: „In unserem Umgang mit diesen Menschen sollte uns eine Unterscheidung leiten: Die Unterscheidung zwischen dem Unverhandelbaren und dem Aushaltbaren.“ Unverhandelbar sind „Achtung unserer Grundwerte“, „Herrschaft des Rechts vor der Religion“ und die Menschenwürde.

 

Leistungsprinzip

Aus Sicht der Wirtschaft ist höchst interessant, welchen Stellenwert die Leistung in der Leitkultur hat (oder haben sollte): „Wir sehen Leistung als etwas an, auf das jeder Einzelne stolz sein kann. Überall: Im Sport, in der Gesellschaft, in der Wissenschaft, in der Politik oder in der Wirtschaft. Wir fordern Leistung. Leistung und Qualität bringen Wohlstand. Der Leistungsgedanke hat unser Land stark gemacht. Wir leisten auch Hilfe, haben soziale Sicherungssysteme und bieten Menschen, die Hilfe brauchen, die Hilfe der Gesellschaft an. Als Land wollen wir uns das leisten und als Land können wir uns das leisten. Auch auf diese Leistung sind wir stolz.“

 

Demnach zählt Leistung in allen Lebensbereichen und bringt außerdem Wohlstand und hat unser Land stark gemacht. Jeder Europäer der Nachkriegsgeneration kann diesen Abschnitt unterschreiben. Tatsächlich genial ist der Kunstgriff, dass nicht nur die Starken das Leistungsprinzip repräsentieren, denn auch Hilfe-Leistungen, wie sie das Sozialsystem bietet, gehören zu den Leistungen der Gesellschaft. Zumindest gilt das für das Nachkriegs-Europa. Doch die Klassengesellschaft, die der Sozialstaat weitgehend abgeschafft hat, hat sich durch die Hintertür wieder in das System eingeschlichen.

 

Die Anzahl der Bürger, die trotz voller Leistung von ihrem 40-Stunden-Job nicht mehr leben können, wächst. Gleichzeitig wachsen die Nehmerqualitäten jener, die Gehälter, Bonuszahlungen und Honorare in Millionenhöhe kassieren. Beträge, die mit Leistung nicht begründbar sind. Nicht begründbar, und auch nicht länger tragbar ist auch die Tatsache, dass viele Menschen Leistungen erbringen, die nie bezahlt werden. Kinderbetreuung, Jugendarbeit, Altenpflege, freiwillige Feuerwehr, Rettung, aber auch im kreativen Bereich überwiegt die unbezahlte Arbeit.

Die Fragen, was ist Leistung und was ist Arbeit, müssen daher für das 21. Jahrhundert neu beantwortet werden. Wer heute noch behauptet, Leistung und Arbeitslohn stehen in einem direkten kausalen Verhältnis, wer weiterhin den Unsinn verbreitet, Angebot und Nachfrage bestimmen dem Preis (hier: die Höhe des Lohnes), der ist entweder einbetoniert in der Realität von gestern (was auf viele Arbeitnehmervertreter zutrifft), oder verlogen. So führt das geringe Angebot qualifizierter Altenbetreuer nicht zu Lohnerhöhungen in dem Bereich, sondern zu Lohndumping, indem Ostarbeiter als Scheinselbständige engagiert werden.

 

Das zeigt: ein System (Steigende Löhne bei steigender Nachfrage nach qualifizierten Arbeitskräften), das ein paar Jahrzehnte gültig war, verliert unter veränderten Bedingungen seine Gültigkeit. Wer so ein System aber weiterhin aufrecht erhalten will, der produziert daraus eine Systemlüge. Noch bevor ich klären konnte, was „gerecht“ ist, kann ich mit Sicherheit feststellen, dass es ungerecht ist, dass sozial wichtige Arbeit schlecht bezahlt wird, während Jobs, die nur einen geringen Wert für das Gemeinwohl haben, sehr hoch bezahlt werden.

 

Abbildung: Paul Kaminski, „Wohin?“ Öl auf Leinwand, 120x90 cm, Foto von BOB Robert Hailwax

 

Siehe auch: INHALT MORAL 4.0

 

 

120 SlavaReyzin