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Warum ist der Mann ohne Eigenschaften (MoE) ein Roman und doch kein Roman? Ein Roman im konventionellen Sinn erzählt Geschichten. Die Geschichte hat immer einen bestimmten nachvollziehbaren und nacherzählbaren Ablauf, egal ob es sich dabei um Erlebnisse und Tätigkeiten handelt, oder um Naturschilderungen. So gesehen könnte man die Geschichte des MoE in Kürze zusammenfassen:

Der erste Teil des Romans, "eine Art Einleitung", dient der Beschreibung von Zeit ("Es war ein schöner Augusttag des Jahres 1913", MoE 9) und Ort der Handlung (d.i. "Kakanien", MoE 31), woraus aber "bemerkenswerter Weise nichts hervorgeht" (MoE 9). Außerdem wird schon hier Ulrich, die Hauptfigur des Romans, charakterisiert als MoE. Ulrich beschließt, "sich ein Jahr Urlaub von seinem Leben zu nehmen, um eine angemessene Anwendung seiner Fähigkeiten zu suchen" (MoE 47). Die briefliche Ermahnung seines Vaters, der sich um Ulrichs Zukunft Sorgen macht, leitet über zum zweiten Teil, in welchem "seinesgleichen geschieht" (MoE 81).

Die Handlung des zweiten Teils kreist um den "Ausschuß zur Fassung eines leitenden Beschlusses in bezug auf das Siebzigjährige Regierungs-Jubiläum seiner Majestät" (MoE 296), in der Folge kurz Parallelaktion genannt, weil dieses Jubiläum des "Friedenskaisers" im gleichen Jahr stattfmden soll, wie das bloß Dreißigjährige Jubiläum Kaiser Wilhelm II. Ulrich wird durch die Protektion seines Vaters (um es vornehm zu sagen) von Graf Leinsdorf zum Ehrensekretär dieser Aktion ernannt.

Der Salon von Ermelinda Tuzzi, Ulrich nennt sie (in Anspielung an Platon) Diotima, wird zum Zentrum der Parallelaktion und zum Treffpunkt von Personen mit Rang und Namen. Darunter Graf Leinsdorf, der nichts als den Patriotismus unter Führung der Aristokratie fördern will; darunter Amheim, Großschriftsteller und Großindustrieller, der uneigennützig durch den Erwerb der galizischen Ölfelder und mithilfe seiner Waffenindustrie den Frieden sicherstellen will; darunter General Stumm von der Bordwehr, der militärische Ordnung in den Zivilverstand bringen will; darunter, oder als skeptischer Beobachter schon eher daneben, Diotimas Ehemann, Sektionschef Tuzzi, der um das europäische Gleichgewicht besorgt ist.

Parallel zur Parallelaktion geschieht seinesgleichen bei anderen bedeutungsvollen Ereignissen:

1. Die seelenvolle Beziehung zwischen Arnheim und Diotima, die niemals nicht zum Ehebruch führt.

2. In einem anderen sozialen Milieu das Verhältnis zwischen RaheI, der Gehilfm Diotimas, und Soliman, dem Diener Arnheims, das in der Schwangerschaft Rahels endet (oder auch nicht).

3. Die Beziehung Ulrichs zu seiner Geliebten Bonadea, oder vielmehr umgekehrt.

4. Das Verhältnis Gerdas zum deutschnationalen Studenten Hans Sepp; eine Beziehung, die Gerdas jüdischer Vater, der Bankdirektor Leo Fischel, ablehnt, weshalb er Ulrich bittet, einzugreifen. Das versucht Ulrich mit gefühlvollen Worten und mit gefühllosen Taten, aber ohne viel Erfolg.

5. Die Ehe von Walter, einem gescheiterten Künstler, und Clarisse, die sich Walter verweigert, den Frauenmörder Moosbrugger befreien, und von Ulrich den Erlöser der Welt empfangen will.

Als Clarisse eben das versucht in die Tat umzusetzen, erhält Ulrich ein Telegramm, in welchem ihm mitgeteilt wird, daß sein Vater gestorben sei. Ulrich reist a.m nächsten Tag in die Provinzstadt, in der sein Vater gelebt hat, und gleichzeitig "ins tausendjährige Reich" (so der Titel des dritten Teils). Dort begegnet er seiner vergessenen Schwester Agathe. Gemeinsam lassen sie das Begräbnis und die obligate Anteilnahme über sich ergehen, um sich dann zurückzuziehen und die Erbschaft zu regeln. Agathe, die sich von ihrem Mann, dem Pädagogen Prof. Hagauer scheiden lassen will, fälscht das Testament, um Hagauer zu schaden. Ulrich fahrt zurück in die Hauptstadt und läßt Agathe nachkommen. Hagauer wehrt sich wortgewaltig gegen eine Scheidung, bewirkt dadurch aber nur einen Selbstmordversuch Agathes, wovor sie aber ein anderer Pädagoge, Prof. Lindner nämlich, bewahrt.

Außerdem treten im dritten Teil noch andere Personen zum ersten Mal im Kreise der Parallelaktion in Erscheinung, wie der Dichter Feuermaul, oder der Regierungsrat Meseritscher, aber das erhöht die Spannung nicht mehr wesentlich.

Diese Handlung ist aber gerade nicht der Inhalt des MoE. Der Inhalt des MoE ist nicht das Leben Ulrichs, sondern seine Lebensform. Der Inhalt des MoE liegt nicht in den Handlungen der einzelnen Personen, sondern in den Gedanken, die sie damit verknüpfen. Der Inhalt des MoE ist außerdem nicht bloße Collage verschiedenster Philosopheme, sondern bewußte Auseinandersetzung mit philosophischen Theoremen. Dadurch, daß philosophische Ideen von Personen des Romans wörtlich genommen oder vivifiziert werden (und zwar so, daß sich darin Möglichkeiten zeigen, das je eigene Denken zu leben), oder indem sie von Ulrich ironisiert werden, oder indem sie in essayistischen Abschnitten vom Autor selbst verfremdet werden, erweist sich das Typische einer philosophischen Idee, aber auch die Grenze ihrer Aussagekraft. Allein dieses Verfahren darf als genuine philosophische Leistung Robert Musils beurteilt werden.

Die Literaturwissenschaft hat das wesentliche Anliegen Musils zwar immer wieder aufgegriffen, (wie schon aus Titeln vieler MoE-Interpretationen hervorgeht: Ratio und Mystik im Werk Robert Musils, Die Reflexionen Ulrichs in Robert Musils Roman, Denkphantasie und Reflexionsleidenschaft, Zur Erkenntnis der Dichtung, u.v.a.), aber nicht durchschaut.

Den einfachen Schluß, daß hinter all den Fragestellungen ein philosophisches Interesse steckt, wollte nämlich kein Literaturwisschenschafter ziehen; aber diesen Schluß konnte auch kein Literaturwissenschafter ziehen. Es läßt sich nämlich zeigen, daß sie durchgehend das gleiche Vorverständnis von Philosophie haben, das sie hindert, Musils philosophische Intention zu verstehen. Besonders deutlich wird dieses Vorverständnis in der Untersuchung von Marie- Luise Roth.(38) Soweit sich aus dieser Arbeit eine konzise These herausftltem läßt, kann man sie so zusammenfassen: Musil hat in seinen theoretischen Schriften ein ethisches Anliegen, aber seine mangelnde philosophische Kompetenz erlaubt ihm nicht, seine Ethik zu systematisieren, weshalb er sich in ästhetische Sprachspiele flüchtet.

Roth wörtlich: „Musil will in den theoretischen Schriften die dargebotene Materie, die zeitgenössischen ethischen und ästhetischen Probleme durchleuchten. Darin sind diese Schriften und der MoE komplementär. Er hütet sich aber in den Schriften vor dem Einzwängen in eine Ordnung. [ ... ] Seine mangelhafte philosophische Vorbildung - hier ist er sein Leben lang ein Dilettant geblieben - wie auch sein auf Polarität aufgebautes Denkschema setzen sich jeglicher Systematisierung entgegen. Aber sogar in seinem theoretischen Werk bleibt er dem "gestaltenden Denken" verhaftet. Er ist ein denkender Dichter; er gibt Teillösungen, und seine Gedankenentwicklung bleibt dynamisch, dialektisch, offen und unsystematisch. [ ... ] Der Schriftstel1er deutet an, ohne apodiktisch zu behaupten oder zu beweisen; es wird keine definitive Lösung vorgeschlagen.“ (39)

Diese Passage enthält einzelne Teilwahrheiten, obwohl sie im Ganzen falsch ist. Sehr wohl hütet sich Musil "vor dem Einzwängen in eine Ordnung" und vor "jeglicher Systematisierung". Aber nicht, weil er philosophischer Dilettant geblieben ist, sondern ganz im Gegenteil, weil er klar die erkenntnistheoretischen Grenzen jeglicher Systematisierung erkannt hat. Er hat die Systemphilosophie gekannt und ihre Grenzen der Erkenntnis durchschaut, deshalb sucht er nach einer anderen Methode des Philosophierens und findet sie im Essay, bzw. im und durch den Roman.

Kurioser Weise führt Roth ihr Urteil über Musils "mangelhafte philosophische Vorbildung" selbst ad absurdum, wenn sie später schreibt: „Musils Affinität zu Kant, Plato und Aristote1es, deren Werk er genau kannte, müßte hier erwähnt werden.“ (40)

Wie kann man jemandem so beharrlich "Dilettantismus seiner philosophischen Kenntnisse" (41) vorwerfen, der nicht nur das Werk der drei erwähnten Philosophen genau kannte, sondern genauso gut die Schriften von Emerson, Maeterlinck oder Mach. Roth konzediert Musil weiters: "Er ist ein denkender Dichter". Das ist so wahr wie trivial.

Was für Musil Methode ist, nämlich "dynamisch, dialektisch, offen und unsystematisch" zu philosophieren, das versteht Roth als Defizienz seiner geistigen Entwicklung. Der Schriftsteller, das ist ihr Resümee, ist ein gescheiterter Philosoph, denn alles was dieser kann - Roth impliziert unkritisch: alles was dieser können muß, nämlich apodiktisch behaupten, beweisen, definitive Lösungen vorschlagen - meidet Robert Musil.

Auch Ingeborg Bachmann orientiert sich in ihrem Aufsatz Ins tausendjährige Reich, der mehr über den MoE sagt als manche inhaltsschwere Abhandlung, noch am traditionellen Begriff der Philosophie als Systementwurf. Bekanntlich hat sie selbst eine philosophische Dissertation über Martin Heidegger verfaßt, hat aber trotzdem (oder gerade deshalb) später immer eindeutige Grenzen zwischen Philosophie und Dichtung gezogen. Sie schreibt über den MoE: eines Tages bemerkte die Kritik, unter anderem, daß sein Roman der größte geschichtsphilosophische Versuch und der schonungsloseste Roman der Weltanschauungskritik seit Voltaires "Candide" sei. So ist Musil einige Gerechtigkeit widerfahren; denn er wollte sehr viel mehr als einen Roman schreiben, mehr als die Geschichte vom untergehenden Kakanien erzählen und mehr als an den abgewirtschafteten Ideen der Zeit Kritik üben. Aber er wollte nicht - was ihm zuweilen vorgeworfen wird - seine Kompetenz überschreiten. Immer war ihm bewußt: "Der Dichter kann und soll nicht bis zum philosophischen System vordringen". (42)

Die von Bachmann zitierte Stelle fmdet sich explizit in Musils Tagebüchern. Um den ganzen Sinn dieser Aussage zu verstehen, muß man eine analoge Stelle aus dem MoE lesen. Im Kapitel "Auch die Erde, namentlich aber Ulrich, huldigt der Utopie des Essayismus" heißt es über Ulrich: „Er war kein Philosoph. Philosophen sind Gewalttäter, die keine Armee zur Verfügung haben und sich deshalb die Welt in der Weise unterwerfen, daß sie sie in ein System sperren.“ (MoE 253)

Der Aussage, daß der Dichter nicht zum philosophischen System vordringen kann und soll, muß man so gesehen hinzufügen: und er will es auch gar nicht. Denn es wird hier klar, wie deutlich Musil die Grenzen der traditionellen Philosophie erkannt hat, die ihrem Gegenstand Gewalt antut, indem sie ihn in ein System zwängt. Die Alternative zu dieser Methode des Philosophierens wird im Titel dieses Kapitels als "Utopie des Essayismus" (MoE 247) angedeutet. Es handelt sich dabei um eine Utopie, weil der Essayismus nicht zu einer neuen philosophischen Strömung wie Idealismus, Materialismus, Psychologismus oder Positivismus werden soll. Diese Richtungen haben alle ein ursprünglich fundamentales Anliegen vertreten, nämlich die Welt durch Grundsätze verstehbar zu machen. In der systematischen Erklärung dieser Grundsätze wuchs aber regelmäßig die ursprüngliche Intention über sich selbst hinaus, und aus dem fundamentalsphilsophischen wurde ein universalphilosophisches Anliegen, d.h. einzelne Grundsätze wurden zu universalen Prinzipien, oder vielmehr (und das heißt in diesem Fall: viel weniger) zu Pauschalerklärungen. Das Ganze konnte aus dem Gesichtspunkt der ursprünglichen Reduktion auf einen bestimmten Ismus nie mehr eingeholt werden. Alle diese philosophischen Konzepte waren daher von Anfang an zum Scheitern verurteilt.

Der Hinweis, daß nicht nur Ulrich, sondern auch die Erde der Utopie des Essayismus huldigt, deutet an, daß es auch Musil hier um ein universalphilosophisches Anliegen geht. Ulrich will, wie im Essay, ein Ding von vielen Seiten erfassen, denn die Erde (d.i. die Wirklichkeit selbst) hat viele Seiten, ist vielseitig. Konsequent durchdacht muß dieser Essayismus aber Utopie bleiben, weil es grundsätzlich nicht möglich ist, einen Gegenstand von allen Seiten zu betrachten, d.h. in seiner Ganzheit zu begreifen. In diesem Sinne verstehe ich auch Musils Aussage, "der 'reine Essay' ist eine Abstraktion, für die es beinahe keine Beispiele gibt" (P 1223).

Aber ist es nicht etwas anderes, eine Ganzheit zu erfassen, denn einen Gegenstand von allen Seiten? Von dem Gestaltpsychologen Christian Ehrenfels ist die Anekdote überliefert, er habe am Klavier eine Melodie gespielt, dann die einzelnen Bestandteile ausgetauscht (d.h. er hat nichts anderes gemacht als die Melodie in eine andere Tonart transponiert), und habe damit den alten Satz von Aristoteles bestätigt: das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile. Die erkenntnistheoretische Implikation dieser Anekdote besagt, daß das Ganze doch erkennbar sein muß, um zu wissen, daß es mehr ist als die Summe seiner Teile. Hier wird nur eines übersehen: Es ist ein Unterschied, ob man vom Ganzen, oder von Ganzheiten und das heißt von Gestalten

spricht. Die Summe der Einzelteile erhalten in der Gestalt eine neue Qualität, aber die Gestalt selbst ist nicht das Ganze. Um beim Beispiel der Anekdote zu bleiben: Die Melodie (als Ausdruck der Gestalt) ist nicht das Ganze; ich nehme außerdem eine bestimmte Klangfarbe wahr, Lautstärke und Tempo. Auch jemand, der die Melodie spielt, singt oder summt gehört zum

Ganzen. Und kann ich nicht jedesmal bei ein und derselben Melodie etwas anderes denken und empfinden?

Zum Ganzen des Essayismus gehört auch die Ironie. Das wird gerade an der von Bachmann zitierten Stelle deutlich: „Während der rund 10 Manuskripte zu den ersten 200 Seiten des M.o.E: Die bedeutungsvolle Selbsterkenntnis, daß die mir gemäße Schreibweise die der Ironie sei. [... ] Gleichbedeutend auch mit der Erkenntnis, daß ein Dichter nicht bis zum philosophischen System vordringen soll (u. kann).“ (T 928)

Ironie wird so zu einer Methode, die explizit die systemphilosophische Methode ablöst, und Ironie als Stilmittel ist nicht weniger als ein Mittel zur exakten Herausarbeitung eines Gedankens (vgl. P 942). Die Ironie zeichnet sich zwar meist an einzelnen Personen ab, kritisiert wird damit aber vorrangig das von der Person repräsentierte System. „Es kann vorkommen, daß ein Dichter plötzlich einmal mit der größten Liebe das darstellt, was er als Privatperson haßt. Man könnte geradezu sagen, daß sein Geist zu allem fähig sei, aber auch fähig sei alles aus der gewöhnlichen Bedeutung zu lösen.“ (P 1254)

Der Ironie wird hier eine ganz bestimmte Funktion zugeordnet: sie löst alles aus der gewöhnlichen Bedeutung; d.h. einerseits, sie übt Kritik am status quo, anderseits, sie setzt (nicht apodiktisch, sondern kreativ) neue anstelle der gewöhnlichen Bedeutungen.

Ist der MoE demnach eine "Kritik der ironischen Vernunft"? Als genitivus subjectivus interpretiert könnte man sagen: Ironie ist eine Form von immanenter Kritik. In immanenter Kritik weist Musil in seiner Dissertation die inneren Widersprüche nach, die sich bei Mach finden. Vor allem Machs Begriff der Kausalität und seine Auflösung im Funktionsbegriff werden dort kritisiert. Im MoE wird diese Problematik - ironisch verfremdet – wieder aufgegriffen: Die funktionale Abhängigkeit, die Mach postuliert, wendet Musil auf die Elemente, bzw. Empfindungen von gut und böse an. Man kann Mach und Musil direkt gegenüberstellen.

Mach: „Bei unmittelbarer Abhängigkeit zweier oder mehrerer Elemente, wobei z.B. sämtliche Elemente durch eine Gleichung verbunden sind, ergibt sich jedes Element als Funktion der anderen. (43)

Musil: “Gut und bös, oben und unten sind für ihn nicht skeptischrelative Vorstellungen, wohl aber Glieder einer Funktion, Werte, die von dem Zusammenhang abhängen, in. dem sie sich befinden.“ (MoE 153)

Daraus folgt für Ulrich, daß "ihm alle moralischen Geschehnisse in ihrer Bedeutung als die abhängige Funktion anderer" (MoE 251) erscheinen. Was ist daran ironisch? Tatsächlich klingen diese Behauptungen (losgelöst vom Kontext) wie ein ernsthafter Versuch einer Umwertung aller Werte mithilfe des Funktionsbegriffes. Die Ironie stellt sich sozusagen rückwirkend ein, indem Musil die Konsequenzen dieser Anschauung darstellt: "Er anerkennt nichts Unerlaubtes und nichts Erlaubtes" (MoE 153), oder: "Im Grunde fühlte sich Ulrich nach dieser Anschauung jeder Tugend und jeder Schlechtigkeit fähig" (MoE 251).

Egal ob man diese Konsequenzen positiv wertet (etwa als Aufforderung zu einer kreativen oder "konstruktiven" Anarchie) oder ob man sie negativ wertet (etwa als Ausdruck einer depravierten Moral), in beiden Fällen wird deutlich, daß der naive Anspruch auf Allgemeingültigkeit andere Auswirkungen hat, als ursprünglich intendiert. Ironie als immanente Kritik kann also durchaus im Ton der Sachlichkeit geäußert werden; genauso wie sie sich oft (im wörtlichen Sinn) als sanfter Spott äußert; oder manchmal (stark überzeichnend) zum Zynismus wird. So beispielsweise bei der ersten Defmition von "gut und bös" als "Funktionswerte", wo die "Güte der Menschen" nur mehr "von dem psychotechnischen Geschick, mit dem man ihre Eigenschaften auswertet" (MoE 37) abhängt. (43)

Die Umschreibung des MoE als "Kritik der ironischen Vernunft" läßt sich auch als genitivus objectivus interpretieren. Ironie als Kritik an der ironischen Vernunft ist aber nichts anderes als Selbstironie. Hat sich Musil damit selbst immunisiert? Er greift seine Gegner an, indem er ihre Anschauungen ironisch kritisiert, und macht sich selbst unantastbar, indem er gleichzeitig seine eigenen Anschauungen ironisiert. Ich meine, diese psychologische Interpretation übersieht die philosophische Bedeutung der Ironie im MoE. Man muß die Frage, ob sich Musil selbst immunisiere, verallgemeinern: inwiefern ist eine (immanente) Kritik selbst kritisierbar?

Vergleichen wir den kritischen Anspruch Musils mit dem kritischen Anliegen Kants. Für Kant ist Kritik gleichbedeutend mit Systematik. (Die Frage, "wie sind synthetische Urteile apriori möglich?" (44) wird kritisch beantwortet, d.h. systematisch untersucht.) Für Musil ist immanente Kritik, d.h. Ironie, gleichbedeutend mit Darstellung und Beschreibung. (Der Funktionsbegriff wird beschrieben, indem er in verschiedenen Zusammenhängen dargestellt wird, d.h. mit Wittgenstein, indem er in einer Vielzahl von Sprachspielen verwendet wird.)

So gesehen haben sich weder Kant, noch Musil selbst immunisiert; allerdings muß man sie schon adäquat in Frage stellen. Das heißt mit Bezug auf Kant: ist sein System in sich kohärent, und: sind seine Aussagen wahr? Das heißt mit Bezug auf Musil: sind seine Beschreibungen treffend, und: sind sie richtig?

Auch die Kenntnis der philosophischen Tradition schützt nicht vor dem Mißverständnis neuerer Strömungen, die nicht unmittelbar an die Tradition anschließen. Klaus Laermann beispielsweise orientiert seinen Philosophiebegriff an der Frankfurter Schule, an Marx und Lenin, aber auch an Kant und Hegel. Auch Nietzsehe und sogar Heidegger hat er gelesen, wie aus seinem Literaturverzeichnis hervorgeht. Er macht sich also mit durchaus profundem Vorwissen an die Interpretation des MoE, stellt zielbewußt Querverbindungen zu den zitierten Philosophen her (er nennt dieses Verfahren selbst "den Exkurscharakter der einzelnen Kapitel" (45), verfehlt aber damit ebenso zielsicher die eigentliche Intention des MoE.

Schon im ersten Kapitel, "die Reduktion von Eigenschaften auf Merkmale", liest Laermann am Inhalt vorbei. Das Ergebnis sieht dann so aus, daß die Reduktion, die er Musil unterstellt, in.seiner eigenen Interpretation zu ftnden ist. Laermann zitiert den Absatz, wo Ulrich nach einem Zwischenfall mit Sicherheitsbeamten auf das Polizeipräsidium abgeführt wird. Dort werden seine Daten mit den üblichen Formalitäten aufgenommen, d.h. seine Merkmale registriert.

Ulrich wurde befragt. Er glaubte, in eine Maschine geraten zu sein [ ... ] seine Haar waren blond, seine Gestalt groß, sein Gesicht oval, und besondere Kennzeichen hatte er keine, obgleich er selbst eine andere Meinung davon besaß.“ (MoE 159)

Laermann interpretiert: „Angesichts dieses offiziellen, sanktions bereiten Apparats bleibt sein Selbstgefühl unbestimmt und widersprüchlich.“ (46 ) Wo liegt der Widerspruch? Nicht im Selbstgefühl Ulrichs, sondern zwischen Ulrichs Selbsteinschätzung und einer Fremdeinschätzung, die in ihm nicht mehr den Menschen, sondern nur mehr die eindeutig identifizierbaren Merkmale sieht. Um nichts weniger bleibt das Selbstgefühl Ulrichs "unbestimmt", vielmehr wird seine Vielschichtigkeit mit präziser Genauigkeit beschrieben:

Nach seinem Gefühl war er groß, seine Schultern waren breit [... ] sobald er sich ärgerte, stritt oder Bonadea sich an ihn schmiegte; er war dagegen schmal, zart, dunkel und weich [ ...] sobald er ein Buch las, das ihn ergriff.“ (MoE 159)

Hier zeigt sich ein beliebtes Verfahren Musils: Er läßt ambivalente Phänomene als solche stehen, beschreibt sie bloß, ohne über sie ein eindeutiges Urteil zu fällen. Dieses Verfahren läßt zwei Interpretationen zu:

1. Musil hat aus der Not eine Tugend gemacht, indem er jedes nicht-eindeutige Urteil (oder seine Unfahigkeit eindeutig zu urteilen) zu mehrdeutigen Aussagen verdichtet (oder zu Metaphern umgedichtet) hat.

2. Musil stellt mit seiner Methode die Möglichkeit eindeutiger Urteile in Frage. Ein eindeutiges Urteil setzt einen eindeutigen Standpunkt voraus, und ein solcher verlangt eine eindeutige

Theorie. Eine eindeutige Theorie gilt in der Wissenschaft durchaus als wünschenswert. Nur, wer Eindeutigkeit verlangt, sollte nicht übersehen, daß er damit von vornherein an allen Phänomenen nur eine Deutung zuläßt. Musil aber probiert viele Deutungen aus, wo ihm die Wirklichkeit selbst ("die volle Ganzheit des Lebens", MoE 1225) im Wesentlichen ambivalent erscheint.

Musil sieht die Problematik, vielschichtige Phänomene in eindeutige Theorien aufzulösen (wie es ja nicht nur die Einzelwissenschaften wollen, sondern auch diejenigen philosophischen Strömungen, die sich als Wissenschaft verstehen). Für die essayistische Methode steht auch Ulrichs Fähigkeit, „an jeder Sache zwei Seiten zu entdecken, jene moralische Ambivalenz, die fast alle seine Zeitgenossen auszeichnete und die Anlage einer Generation bildete oder auch deren Schicksal.“ (MoE 265)

Man muß allerdings unterscheiden zwischen moralischer und emotionaler Ambivalenz, denn „von der Liebe handelnd, läßt sich also gar bis zum Haß gelangen; und doch ist nicht etwa die vielberufene "Ambivalenz" davon die Ursache, die Gespaltenheit des Fühlens, sondern gerade die volle Ganzheit des Lebens.“ (MoE 1225)

Der Transformation philosophischer, psychologischer oder politischer Probleme in Dichtung kann man vorwerfen, daß sie Probleme in ihrer Vielschichtigkeit bestehen läßt, ohne sie zu lösen. Man muß dieser Transformation aber zugute halten, daß sie diese Vielschichtigkeit überhaupt erst sichtbar macht und so dem Leser vermittelt.

Laermanns Umdeutung der Eigenschaft slosigkeit in Merkmallosigkeit steht exemplarisch für seine ganze Interpretation. In weiteren Kapiteln. widmet er sich der "Eigenschaftslosigkeit des Geldes" oder untersucht Ulrichs "phallischen Narzißmus" und kommt im Kapitel "Occasionalismus, Solipsismus und Melancholie" schließlich zur Pointe seiner Ausführungen. Für Laermann „gehen alle Interpretationen des Romans fehl, die ihn aus den Positiven Inhalten der Reflexionen Ulrichs verstehen wollen. Sie verlieren sich in einem Gestrüpp widersprüchlicher Aussagen, aus dem sie wahllos einzelne Gedanken herausgreifen, die sich ohne Mühe durch andere, ebenso wahllos herausgegriffene, als einseitig widerlegen ließen. Falsch ist aber auch eine Interpretation, die den Roman wegen der Inhaltsleere der Reflexionen für künstlerisch mißlungen hält.“ (47)

Daß es Leute gibt, die über tausend Seiten hinweg die leeren Worthülsen Musils aufsammeln, und ständig versuchen, sie auszulesen, obwohl nie was drin ist, scheint nach dieser Interpretation schier unvorstellbar. Die Lektüre des MoE wäre eine unzumutbare Sisyphusarbeit.

Es gibt Witze, deren Pointe darin liegt, daß sie keine Pointe haben. Analoges behauptet Laermann vom MoE. Groteske Züge erhält diese Behauptung, wenn man sich vor Augen hält, daß Musil hunderte Seiten und Jahre selbstzermürbender Arbeit gebraucht hätte, um dem Leser zu sagen, daß er nichts zu sagen hat.Grotesk wird diese Behauptung auch, wenn man sie auf Laermanns eigene Untersuchung anwendet, in der er beständig auf den Inhalt des MoE bezug nimmt.

Für Musil stellt sich, nachdem er die Grenzen der Philosophie als Systementwurf bzw. als Wissenschaft erkannt hat, die Frage nach einer neuen Methode des Philosophierens. Seine Intention findet sich in der Antwort auf die Frage: warum ist der MoE ein Roman und doch kein Roman? Viele Literaturwissenschafter haben das Erkenntnisinteresse Musils betont. Nur zwei Beispiele:

Renate von Heydebrand: „Bereits 1918 hat sich Musil in einer Skizze mit der Erkenntnis des Dichters beschäftigt. Schon daß es ihm auf die "Erkenntnis" ankommt, ist wichtig: Kunst - hier am Fall der Dichtung vorgeführt - wird nicht als unverbindlicher Gefühlsausdruck aufgefaßt, sondern als Erkenntnisquelle, neben der Wissenschaft, ernst genommen.“ (48)

Ganz ähnlich argumentiert Hertwig Gradischnig: „Der wahre Dichter geht nicht kritiklos konform mit seiner Zeit, sondern hält Abstand von ihr, um sich die Kraft und die Freiheit, Neues schaffen zu können, zu bewahren. Seine Haltung ist grundsätzlich erkenntnistheoretischer Art.“ (49)

Ist es nicht erstaunlich, daß ein Dichter so eminentes Interesse an einem "philosophischen Geschäft", wie es die Frage nach der Erkenntnis ist, zeigt? Zumindest hat noch niemand über Thomas Mann ein ähnliches Urteil gesprochen, dessen Zauberberg gern und oft mit dem MoE verglichen wird (ein durchaus passender Vergleich, dem meines Erachtens lediglich der Zauberberg nicht standhält). Gradischnig schreibt richtig "der wahre Dichter", denn Musil unterscheidet in unzähligen Notizen und Polemiken den "wahren Dichter" vom Erfolgsschriftsteller und Großschriftsteller.

Worin liegt der Unterschied? Im Tagebuch-Heft Nr. 10 über Bücher exzerpiert Musil u.a. Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts von Houston Stewart Chamberlain. Er zitiert daraus wörtlich: „Jeder große Dichter war Philosoph, jeder geniale Philosoph ist Dichter.“ (T 492) Wenn man einerseits Musils Ablehnung des vielschreibenden Literaten wie des nichtssagenden Großschriftstellers kennt, anderseits seine Kritik an der Fachphilosophie wie an der "Zeitungs- und Revuenphilosophie" (T 664), so wird deutlich, daß sein Anliegen in der Einheit des wahren Dichters und des genialen Philosophen liegt. Diese Einheit hat Musil natürlich nie (wie meine pathetische Formulierung vielleicht nahelegt) mit dem Eifer eines Apologeten verfochten, sondern um diese Einheit hat er sein Leben lang mit sich selbst gerungen.

Das zeigt sich z.B. in seinem Ringen um den Begriff des Genies. Das zeigt auch eine Tagebuchnotiz, die Musil explizit unter dem Stichwort Dichtung und Philosophie notiert hat: „sie sind beide in dieser Zeit vernachlässigt. (Vergleiche damit die Wirkung Kants bis zur Vorgeneration). Und darin zeigt sich ihre Zusammengehörigkeit.“ (T 862)

Ihre Zusammengehörigkeit ist nicht bloß äußerlich und formal, weil sie eben beide vernachläßigt werden. Musil spricht hier offensichtlich nicht von den bestehenden und anerkannten Formen der Dichtung und Philosophie, sondern von wirklicher (d.h. wahrer) Dichtung und Philosophie. Er meint sie hier im emphatischen Sinne, ohne die Emphase - was für ihn charakteristisch ist - auszusprechen. Es gehört sozusagen zum Wesen wirklicher Dichtung und Philosophie, daß sie in ihrer Zeit nicht anerkannt werden, und insofern besteht nicht nur ein äußerer Zusammenhang, sondern gleichsam eine "Wesenseinheit".

Ein vielzitiertes Interview, das Oskar Maurus Fontana 1926 mit Robert Musil geführt hat, (50) bringt sein Anliegen am deutlichsten zum Ausdruck. Auf die Frage, "wo ordnen Sie Ihren Roman in die zeitgenössische Epik ein?" (P 942) will Musil zuerst gar nicht antworten, meint dann aber, nachdem Fontana auf die Antwort beharrt:

Wo ich meinen Roman einordne? Ich möchte Beiträge zur geistigen Bewältigung der Welt geben. Auch durch den Roman. Ich wäre darum dem Publikum sehr dankbar, wenn es weniger meine ästhetischen Qualitäten beachten würde und mehr meinen Willen. Stil ist für mich exakte Herausarbeitung eines Gedankens. Ich meine den Gedanken, auch in der schönsten Form, die mir erreichbar ist.“ (P 942)

Wenn der MoE überhaupt in die traditionelle Epik einzuordnen ist (und Musil selbst schwankt bei diesem Gedanken), so natürlich als Roman. Aber eigentlich ist diese Typisierung verlehlt; die passendere "Typisierung" wäre mit einem Untertitel wie Beiträge zur geistigen Bewältigung der Welt gegeben, denn der MoE ist wie Nietzsches Zarathustra weniger ein Roman als vielmehr ein Buch für Alle und Keinen.

Musil hat Nietzsche wie auch die Essayisten Emerson und Maeterlinck sehr früh gelesen. Aber im Gegensatz zu letzteren, die er später als Salonphilosophen charakterisiert hat, bleibt er Nietzsche (zwar in kritischer Distanz, aber doch) verbunden. Musil hat nie Nietzsches Ideen vom Herrenmenschen oder vom Willen zur Macht, wie sie im Zarathustra mit Pathos gepriesen werden, vertreten. Anderseits folgt er Nietzsche aber in seiner Kritik an der herrschenden Moral, und insbesondere in der Kritik am wissenschaftlichen Philosophiebegriff. Musils diesbezügliche Kritik findet man vorgeprägt bei Nietzsche.

Man lese z.B. zur oben zitierten Stelle aus dem MoE, wo Philosophen als Gewalttäter ohne Armee charakterisiert werden, eine verblüffend ähnliche Bemerkung aus der Morgenröte: „Der grenzenlose Ehrgeiz und Jubel der "Enträtseler der Welt" zu sein, machte die Träume des Denkers aus; nichts schien ihm der Mühe wert, wenn es nicht das Mittel war, alles für ihn zu Ende zu bringen. So war Philosophie eine Art höchsten Ringens um die Tyrannenherrschaft des Geistes.“ (51) Mit der Formulierung "alles für ihn zu Ende zu bringen" kritisiert Nietzsche die persönliche Eitelkeit der Denker, die ihrer Person zu viel Bedeutung schenken im Glauben "dieser einzige zu sein", der die Wahrheit erkannt hat. Das Übrige braucht wohl nicht kommentiert zu werden.

Wie Musil kritisiert auch Nietzsche die Methode, Philosophie als Wissenschaft zu betreiben, mit dem Anspruch, eine wissenschaftliche Weltinterpretation zu liefern. In aller Schärfe wendet er sich direkt an die Gelehrten: „Daß allein eine Welt-Interpretation im Rechte sei, bei der ihr zu Rechte besteht, bei der wissenschaftlich in eurem Sinne (- ihr meint eigentlich mechanistisch?) geforscht und fortgearbeitet werden kann, eine solche, die Zählen, Rechnen, Wägen, Sehen und Greifen und nichts weiter zuläßt, das ist eine Plumpheit und Naivität, gesetzt daß es keine Geisteskrankheit, kein Idiotismus ist.“ (52)

Schon in der Morgenröte trägt Nietzsche seine Kritik an der Wissenschaft vor, zwar apodiktisch, aber noch versöhnlicher mit Andeutung seiner Alternative: „Es gibt keine alleinwissendmachende Methode der Wissenschaft! Wir müssen versuchsweise mit den Dingen verfahren, bald böse, bald gut gegen sie sein und Gerechtigkeit, Leidenschaft und Kälte nacheinander rur sie haben.“ (53)

Ein Vergleich mit Ulrichs "Utopie des Essayismus" bzw. Mit Musils Synthese von Philosophie und Dichtung drängt sich geradezu auf, wenn wir uns abschließend noch Nietzsches Begriff von Philosophie vergegenwärtigen. In der Morgenröte schreibt er über seine Vorstellung von Philosophie: „Sie will, was alle Künstler und Dichtungen wollen, - vor allem unterhalten: sie will dies aber, gemäß ihrem ererbten Stolze, in einer erhabeneren und höheren Art, vor einer Auswahl von Geistern.“ (54)

Die Tradition, in der Musil als Philosoph steht, geht aber über die Verwandtschaft mit Nietzsche hinaus. Eine interessante Parallele, auf die Erich Heintel schon 1960 hingewiesen hat, (55) findet sich zwischen Musil und Wittgenstein: „Bei Musil aber zerfällt von jener Alternative "Wahrheit: Subjektivität" her, übrigens ähnlich wie bei Wittgenstein, die Wirklichkeit tatsächlich in das, was exakt aussagbar ist, und in "Mystik". Er glaubt, "daß die Menschen in einiger Zeit einesteils sehr intelligent, andernteils Mystiker sein werden. Vielleicht geschieht es, daß sich unsere Moral schon heute in diese zwei Bestandteile zerlegt. Ich könnte auch sagen: in Mathematik und Mystik. In praktische Melioration und unbekanntes Abenteuer." (MoE 770) Damit nun werden zuletzt alle Sinnansprüche die nicht mathematisch entscheidbar sind, unmotivierte mystische Abenteuer.“ (56)

Heintel wird mit dieser Interpretation allerdings weder Musil noch Wittgenstein gerecht. Die Meinung, die Heintel hier linear auf Musil überträgt, vertritt im MoE nichteinmal Ulrich in dieser Eindeutigkeit. Ulrich antwortet dort Agathe auf die Frage, woran er glaube, und er meint kurz nacheinander: „Ich glaube also nicht! [ ... ] Ich glaube also und glaube nicht! Aber ich glaube vielleicht, daß, die Menschen in einiger Zeit ...“ u.s.w. wie vorhin zitiert. Mathematik und Mystik stehen hier paradigmatisch für das Ratioide und Nicht-Ratioide, wobei Musil nie einseitig das Eine gegen das Andere ausspielt. Das Nicht- Ratioide bleibt dabei zwar ein "unbekanntes Abenteuer", aber es wird nie zu einem "unmotivierten mystischen Abenteuer", wie Heintel pejorativ meint.

Die Affinität Musils zur Mystik, (57) liegt in der Anwendung der gleichen sprachlichen Mittel, wie sie in der mystischen Literatur zu finden sind, insbesondere in der gehäuften Verwendung von Vergleich und Metapher, Antithetik und Paradox. Die Anwendung dieser Sprachfiguren ist symptomatisch (bei Musil wie in der Mystik) für den Versuch, das Unsagbare zu sagen. In der Reflexion auf das Unsagbare liegt nun auch die angedeutete Parallele zu Wittgenstein. Dabei zieht Wittgenstein aus seiner Erkenntnis, "es gibt allerdings Unaussprechliches. Dies zeigt sich, es ist das Mystische" (58) einen radikalen Schluß: "Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen." (59)

Armin Kesser hat eine Aussage aus Musils letzten Lebensjahren überliefert, die dieser radikalen Forderung Wittgensteins sehr nahe kommt. Demnach sagt Musil wörtlich: „Ist mein Roman nicht doch vielleicht mißglückt? Mein einziger Trost kann nur darin bestehen, daß ich in einer höheren Etage verunglückt bin als die meisten meiner Zeitgenossen. Das Werk sollte ursprünglich in ein mystisches Erlebnis der Geschwister ausmünden, aber ich erkenne heute, daß Mystik und Erzählbarkeit in einem heiklen Verhältnis zueinander stehen.“ (6O)

Die Beziehung Wittgenstein - Musil, die, sieht man von diesem ersten Hinweis ab, (61) eigentlich erst J. C. Nyiri und der Wittgenstein-Experte F. Wallner "erfunden" haben, reicht aber viel weiter, als hier angedeutet wurde. (62) Wallner hat in seinem Aufsatz Musil als Philosoph (63) das Philosophiekonzept Musils in sechs Thesen zusammengefaßt, wovon vier die Verwandschaft von Musil und Wittgenstein erhellen:

1. Philosophie kann nicht in direkter Weise Kritik üben.

2. Wahrheit und Falschheit ist nicht auf Philosophie anwendbar. Richtigkeit ersetzt Wahrheit.

3. "Widerlegung" hat für die Philosophie nicht dieselbe Bedeutung wie für eine Einzelwissenschaft. [...]

6. Philosophie kann nicht systematisch entwickelt werden, sondern entsteht; z.B. aus Sinnlosem, miterzeugt von Dichtung.“ (64)

Daß Wittgenstein, nachdem er sein jahrelanges Schweigen wieder aufgehoben hatte, gerade in der Dichtung eine neue Möglichkeit und Methode des Philosophierens gesehen hat, ist umso verblüffender, da man annehmen kann, daß sich die beiden Zeitgenossen (die zudem einige Zeit fast Nachbarn in Wien waren) persönlich nicht bekannt waren. Wittgenstein findet zwar nicht mehr zu spezifischen Ausdrucksformen der Dichtung (auch wenn über seinen Tractat gesagt wurde, er sei zu lesen wie ein Gedicht), aber er spricht ein klares Bekenntnis:

Ich glaube meine Stellung zur Philosophie dadurch zusammengefaßt zu haben, indem ich sagte: Philosophie dürfte man eigentlich nur dichten. Daraus muß sich, scheint mir, ergeben, wie weit mein Denken der Gegenwart, Zukunft, oder der Vergangenheit angehört. Denn ich habe mich damit auch als einen bekannt, der nicht ganz kann, was er zu können wünscht.“ (65)

Eine indirekte, und (wenn auch unbekannter Weise) implizite Homage an Robert Musil.


Zehn Thesen mit Pointe (anstelle einer Zusammenfassung):

1. Die Literaturwissenschaft versteht Philosophie als wissenschaftlichen Systementwurf und kann deshalb im Dichter Robert Musil nicht den Philosophen entdecken.

2. Hinter der Entscheidung Musils, nicht die Wissenschaftlerkarriere, sondern die Dichterlaufbahn zu wählen, steht ein philosophisches Programm.

3. Das Programm kann man zusammenfassen in der Formel

Philosophie = Dichtung.

4. Dieses Programm formuliert Musil nicht explizit, aber er folgt seiner Intention mit ganzer Intension. Denn dieses Programm folgt notwendig aus der Erkenntnis, daß die wesentlichen

Probleme unserer Zeit weder mit dem systematischen Vorgehen der Wissenschaft, noch mit dem

wissenschaftlichen Anspruch der Philosophie gelöst werden können.

5. Philosophie als Wissenschaft kann die Probleme nicht lösen, weil sie wie jede Wissenschaft reduktionistisch ist, und die Phänomene somit nicht mehr in ihrer Ganzheit fassen kann.

6. Philosophie als Systementwurf kann die Probleme nicht lösen, weil sie die Phänomene von außen eingrenzt, in ein System zwängt, und der Offenheit der Phänomene somit nicht gerecht wird.

7. Philosophie als Dichtung will die Probleme nicht lösen, weil das gar nicht Aufgabe der Philosophie ist.

8. Es ist Aufgabe jedes handelnden Menschen, die Probleme

zu lösen.

9. Philosophie will also Probleme nicht lösen, sondern beschreiben und darstellen.

10. Wenn die Philosophie ihren Anspruch, den sie ohnehin nie einlösen konnte, aufgibt, verliert sie zwar ihre "höhere Autorität", aber sie gewinnt ein neues Selbstverständnis:

a. Philosophie wirkt durch das Beschreiben enthüllend und somit erhellend.

b. Philosophie wirkt durch das Darstellen gestaltend und somit verändernd.

Die Pointe: Der Philosoph kann weder für das Individuum noch anstelle der Gemeinschaft handeln, aber er wirkt trotzdem.


Anmerkungen:

38 Robert Musil. Ethik und Ästhetik. Zum theoretischen Werk des

Dichters,' München 1972

39 a.a.O., S. 17

40 a.a.O., S. 91

41 a.a.O., S. 22

42 Akzente, 1/1954, S. 50

43 Ähnlich wie Musil Machs Funktionsbegriff ironisiert, verfährt er

auch mit Machs Behauptung, wonach das Ich unrettbar sei. Vergleiche

dazu Machs Analyse der Empfindungen S. 3 ffund MoE, S.

150,217,474,968

44 Kritik der reinen Vernunft, B 19

45 Klaus Laermann, Eigenschaftslosigkeit, S. X

46 a.a.O., S. 2

47 a.a.O., S. 78

48 Renate von Heydebrand, Die Reflexionen Ulrichs im MoE, S. 79

49 H. Gradischnig, Das Bild des Dichters, S. 11

50 das war vier Jahre vor Erscheinen des ersten Bandes des MoE

51 Nietzsche, Werke 11,S. 268

52 Die fröhliche Wissenschaft, aaO, S. 523

53 Morgenröte, a.a.O, S. 224

54 a.a.O, S.222

55 E. Heintel, Der Mann ohne Eigenschaften und die Tradition, in:

Wissenschaft und Weltbild, 1960

56 a.a.O., S. 190

57 vgl. dazu Bernd Rüdiger Hüppauf, Von sozialer Utopie zur Mystik,

und auch Elisabeth Albertsen, Ratio und "Mystik" im Werk Robert

Musils

58 Tractatus logico philosophicus, Werke I, S. 85

59 a.a.O., S. 85

60 Kesser, Begegnung mit Robert Musil, in: LWW, S. 185f

61 vgl. auch Baumann, Robert Musil. Zur Erkenntnis der Dichtung,

1965, wo sich Heintels Hinweis fast wörtlich wiederfindet

62 siehe: Nyiri, Zwei geistige Leitsterne: Musil und Wittgenstein, in:

Literatur und Kritik, April 1977

63 erschienen in: Musilstudien 11, S. 93 ff

64 a.a.O., S. 109

65 Vermischte Bemerkungen, Werke 8, S. 483

 

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